Achter Vortrag
Diese Nahrungsstoffe werden ja, nachdem sie aufgenommen sind, in der mannigfaltigsten Weise umgewandelt und stufenweise so umgeändert durch die verschiedenen Organwirkungen, daß sie hingeleitet werden können zu den einzelnen Gliedern des menschlichen Organismus, zu den einzelnen Systemen der menschlichen physischen Wesenheit. Es ist ja nicht schwer einzusehen, daß alles, was aus den Nahrungsstoffen im menschlichen Organismus wird, im Grunde genommen den Menschen, wie er vor uns steht in der physischen Welt, eigentlich erst zum physischen Menschen macht. Es liegt hier ja allerdings eine gewisse Schwierigkeit für das Verständnis vor. Allein, wenn wir Ernst machen mit den bisher eingehaltenen Prinzipien und die übersinnliche Erkenntnis wirklich auf die Betrachtung des Menschen anwenden, so müssen wir sagen, daß es nur die Nahrungsstoffe sind, die von der äußeren Welt substantiell in den menschlichen Organismus aufgenommen werden. .Alle übrigen auf den Menschen einwirkenden Einflüsse haben wir uns im Grund genommen zu denken als übersinnliche, unsichtbare Kräfte. Wenn sie sich für einen Moment alles wegdenken, was den menschlichen Organismus, von den Nahrungsstoffen herrührend, ausfüllt, so behalten Sie in physischer Beziehung noch weniger — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck -, viel weniger übrig als einen leeren Sack, nämlich gar nichts. Denn auch was an Haut, an Umhüllung des physischen Organismus vorhanden ist, ist nur dadurch vorhanden, weil entsprechend verarbeitete Ernährungsstoffe an die betreffenden Partien hingeführt worden sind. Rechnen Sie die Nahrungsstoffe und was aus ihnen wird, weg, so haben Sie dahinter den menschlichen Organismus nur als ein übersinnliches Kraftsystem zu denken, das die Verteilung der assimilierten Nahrungsstoffe nach allen Richtungen hin bewirkt. Wenn Sie diesen Gedanken, wie er jetzt ausgesprochen worden ist, sich so richtig vor die Seele stellen, so werden Sie sich sagen: Eines ist aber eigentlich die Voraussetzung, bevor irgend etwas, auch das kleinste, von den Nahrungsstoffen aufgenommen werden kann, denn diese Stoffe können nicht von der Außenwelt in jedes beliebige Wesen hineinbefördert werden, damit dasjenige in ihm vorgehe, was im menschlichen Organismus vorgeht. Es muß der Mensch schon bei der allerersten Nahrungsaufnahme den physischen Nahrungsstoffen eine innere Kraftwirkung entgegenstellen können, welche aus der übersinnlichen Welt stammt, und es muß in diesem inneren Kräftesystem der Mensch als solcher schon enthalten sein. Im Okkultismus nennen wir dasjenige, was so den eigentlichen physischen Ausfüllungsmaterialien vom Menschen zunächst entgegengehalten wird, was durchaus schon übersinnlich zu denken ist, das nennen wir im umfassendsten Sinne die menschliche Form. Wenn wir uns die allerunterste Grenze der menschlichen Organisation denken, so müssen wir uns vorstellen, daß sich gegenüberstehen die physische Materie und die übersinnliche Form, welche als ein aus den übersinnlichen Welten herausgeborenes Kraftsystem dazu bestimmt ist, die Materie aufzunehmen - nicht wie ein physischer Sack oder Balg, sondern wie ein Überphysisches, ein Übersinnliches - und dasjenige herauszubilden, was überhaupt den Menschen erst physisch-sinnlich erscheinen läßt. Erst dadurch, daß sich dieser übersinnlichen Form eingliedert das assimilierte Ernährungsmaterial, wird der sonst rein übersinnliche menschliche Organismus zu einem physisch-sinnlichen Organismus, den man mit Augen sehen und mit Händen greifen kann. Man nennt das, was so entgegengehalten wird der physischen Materie, aus dem Grunde «Form», weil eigentlich in aller Natur ein solches Gesetz wirkt, ein genau gleiches Gesetz, das überall «Formprinzip» genannt wird. Wenn wir die äußere Welt betrachten, so finden wir, daß bis zum Kristall hinunter überall das Formprinzip tätig ist. Die Substanzen, welche in den Kristall eintreten, müssen, um das zu werden, als was der Kristall sich darstellt, gleichsam eingefangen werden von dem Formprinzip, und dieses macht mit Hilfe der Substanzen den Kristall erst zu dem, was er ist. Nehmen Sie zum Beispiel das Kochsalz, Chlornatrium, so haben Sie als physische Substanzen miteinander verbunden Chlor und Natrium, ein Gas und ein Metall. Sie werden leicht einsehen, daß diese beiden Stoffe, so wie sie sind, bevor sie eingefangen werden durch eine formende Wesenheit und dadurch erst zu einer chemischen Verbindung in Würfeln kristallisiert erscheinen, jede für sich völlig andere Formen zeigt. Bevor sie eintreten in dieses Formprinzip, haben sie nichts Gemeinsames; aber sie werden eingespannt, aufgenommen von diesem Formprinzip, und dieses bildet den physischen Körper Kochsalz.
Cite:
GA 128/1911-03-28/p004 · edition original