Achter Vortrag
Der andere Anteil der Keimanlage, der männliche [Ektoderm], ist in der genau umgekehrten Lage. Wenn die männliche Keimanlage allein sich entwickeln würde, so würde dies zu mächtiger Entfaltung dessen führen, was sich kundgibt in dem Sichaufschließen nach außen im Hautsinnessystem, und dessen, was zur Verfestigung im Knochensystem führt, also nach der anderen Seite über das Ziel hinausschießen. Eine solche Einseitigkeit würde ebensowenig eine lebensfähige Keimanlage hervorbringen können wie der weibliche Keim für sich, denn der Organismus, den die männliche Keimanlage entwickeln würde, würde so starke Kräfte entfalten, daß er sich selbst zerstören und zugrunde gehen müßte unter den Verhältnissen, wie sie heute auf der Erde vorhanden sind, das heißt, er würde unter diesen heutigen Verhältnissen auf der Erde als Organismus nicht bestehen können. Der männliche Keim kann daher nur dann zu einem lebensfähigen Ausdruck kommen, wenn er mit der weiblichen Keimanlage zusammenwirkt. Nur dadurch, daß die beiden Keimanlagen sich ausgleichen, daß dasjenige, was in der weiblichen Keimanlage zum Tode bestimmt ist, sich ausgleicht mit dem der männlichen Keimanlage durch den Befruchtungsprozeß, ist eine lebendige Gesamtanlage des Menschen möglich. Was an Kräften zusammengedrängt vorhanden ist in der männlichen Keimanlage, das würde, wenn es für sich allein auswachsen würde, unendlich unter das Irdische hinunterführen, es würde zu einer viel größeren Verhärtung des Knochensystems führen, zu einem weit größeren Sichaufschließen und Aufgehen in der Außenwelt. Diese beiden organischen Keime müssen sich schon in ihrer allerersten Entstehung zu weiterer Entwickelung zusammenfinden, denn einzeln ist jede von ihnen zum Tode bestimmt. Nur die lebendige Wechselwirkung dessen, was nach beiden Seiten hin das Überhandnehmen des einen über das andere verhindert, ergibt die für das Erdendasein des Menschen mögliche Keimanlage.
Cite:
GA 128/1911-03-28/p044 · edition original