Wesen der Menschheit

GA 13/l02/p006 · original (original)

Indem man in der Darstellung des Übersinnlichen bis zur Erwähnung dieses «Ätherleibes» oder «Lebensleibes» gelangt, ist schon der Punkt erreicht, an dem solcher Darstellung der Widerspruch mancher gegenwärtigen Ansicht begegnen muss. Die Entwicklung des Menschengeistes hat dahin geführt, dass in unserer Zeit das Sprechen von einem solchen Gliede der menschlichen Wesenheit als etwas Unwissenschaftliches angesehen werden muss. Die materialistische Vorstellungsart ist dazu gelangt, in dem lebendigen Leibe nichts anderes zu sehen als eine Zusammenfügung von physischen Stoffen und Kräften, wie sie sich in dem sogenannten leblosen Körper, in dem Mineral, auch findet. Nur sei die Zusammenfügung in dem Lebendigen komplizierter als in dem Leblosen. Man hat auch in der gewöhnlichen Wissenschaft vor nicht allzulanger Zeit noch andere Ansichten gehabt. Wer die Schriften manchen ernsten Wissenschafters aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts verfolgt, dem wird klar, wie da auch «echte Naturforscher» sich bewusst waren, dass in dem lebendigen Leibe noch etwas anderes vorhanden ist als in dem leblosen Mineral. Man sprach von einer «Lebenskraft». Zwar wird diese «Lebenskraft» nicht als das vorgestellt, was oben als «Lebensleib» gekennzeichnet ist; aber der betreffenden Vorstellung liegt doch eine Ahnung davon zugrunde, dass es dergleichen gibt. Man stellte sich diese «Lebenskraft» etwa so vor, wie wenn sie in dem lebendigen Leibe zu den physischen Stoffen und Kräften hinzukäme auf ähnliche Art, wie die magnetische Kraft zu dem bloßen Eisen in dem Magneten. Dann kam die Zeit, in welcher diese «Lebenskraft» aus dem Bestande der Wissenschaft entfernt wurde. Man wollte für alles mit den bloßen physischen und chemischen Ursachen ausreichen. Gegenwärtig ist in dieser Beziehung bei manchem naturwissenschaftlichen Denker wieder ein Rückschlag eingetreten. Es wird von mancher Seite zugegeben, dass die Annahme von etwas der «Lebenskraft» Ähnlichem doch kein völliger Unsinn sei. Doch wird auch derjenige «Wissenschafter», der sich zu solchem herbeilässt, mit der hier dargestellten Anschauung in bezug auf den «Lebensleib» nicht gemeinsame Sache machen wollen. Es wird in der Regel zu keinem Ziele führen, wenn man sich vom Gesichtspunkte übersinnlicher Erkenntnis mit solchen Ansichten in eine Diskussion einlässt. Es sollte vielmehr die Sache dieser Erkenntnis sein, anzuerkennen, dass die materialistische Vorstellungsart eine notwendige Begleiterscheinung des großen naturwissenschaftlichen Fortschrittes in unserer Zeit ist. Dieser Fortschritt beruht auf einer gewaltigen Verfeinerung der Mittel zur Sinnesbeobachtung. Und es liegt einmal im Wesen des Menschen, dass er innerhalb der Entwicklung jeweilig einzelne Fähigkeiten auf Kosten anderer zu einem gewissen Vollkommenheitsgrade bringt. Die genaue Sinnesbeobachtung, die sich in einem so bedeutungsvollen Maße durch die Naturwissenschaft entwickelt hat, musste die Pflege derjenigen menschlichen Fähigkeiten in den Hintergrund treten lassen, welche in die «verborgenen Welten» führen. Aber eine Zeit ist wieder da, in welcher diese Pflege notwendig ist. Und das Verborgene wird nicht dadurch anerkannt, dass man die Urteile bekämpft, welche aus dem Ableugnen dieses Verborgenen ja doch mit logischer Folgerichtigkeit sich ergeben, sondern dadurch, dass man dieses Verborgene selbst in das rechte Licht setzt. Anerkennen werden es dann diejenigen, für welche die «Zeit gekommen ist».

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