Schlaf und Tod

GA 13/l03/p007 · original (original)

Ein Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen ist das Träumen. Was die Traumerlebnisse einer sinnigen Betrachtung darbieten, ist das bunte Durcheinanderwogen einer Bilderwelt, das aber doch auch etwas von Regel und Gesetz in sich birgt. Aufsteigen und Abfluten, oft in wirrer Folge, scheint zunächst diese Welt zu zeigen. Losgebunden ist der Mensch in seinem Traumleben von dem Gesetz des wachen Bewusstseins, das ihn kettet an die Wahrnehmung der Sinne und an die Regeln seiner Urteilskraft. Und doch hat der Traum etwas von geheimnisvollen Gesetzen, welche der menschlichen Ahnung reizvoll und anziehend sind und welche die tiefere Ursache davon sind, dass man das schöne Spiel der Phantasie, wie es künstlerischem Empfinden zugrunde liegt, immer gern mit dem «Träumen» vergleicht. Man braucht sich nur an einige kennzeichnende Träume zu erinnern, und man wird das bestätigt finden. Ein Mensch träumt zum Beispiel, dass er einen auf ihn losstürzenden Hund verjage. Er wacht auf und findet sich eben noch dabei, wie er unbewusst einen Teil der Bettdecke von sich abschiebt, die sich an eine ungewohnte Stelle seines Körpers gelegt hat und die ihm deshalb lästig geworden ist. Was macht da das Traumleben aus dem sinnlich wahrnehmbaren Vorgang? Was die Sinne im wachen Zustande wahrnehmen würden, lässt das Schlafleben zunächst völlig im Unbewussten liegen. Es hält aber etwas Wesentliches fest, nämlich die Tatsache, dass der Mensch etwas von sich abwehren will. Und um dieses herum spinnt es einen bildhaften Vorgang. Die Bilder als solche sind Nachklänge aus dem wachen Tagesleben. Die Art, wie sie diesem entnommen sind, hat etwas Willkürliches. Ein jeder hat die Empfindung, dass ihm der Traum bei derselben äußeren Veranlassung auch andere Bilder vorgaukeln könnte. Aber die Empfindung, dass der Mensch etwas abzuwehren hat, drücken sie sinnbildlich aus. Der Traum schafft Sinnbilder; er ist ein Symboliker. Auch innere Vorgänge können sich in solche Traumsymbole wandeln. Ein Mensch träumt, dass ein Feuer neben ihm prasselt; er sieht im Traume die Flammen. Er wacht auf und fühlt, dass er sich zu stark zugedeckt hat und ihm zu warm geworden ist. Das Gefühl zu großer Wärme drückt sich sinnbildlich in dem Bilde aus. Ganz dramatische Erlebnisse können sich im Traume abspielen. Jemand träumt zum Beispiel, er stehe an einem Abgrunde. Er sieht, wie ein Kind heranläuft. Der Traum lässt ihn alle Qualen des Gedankens erleben: wenn das Kind nur nicht unaufmerksam sein möge und in die Tiefe stürze. Er sieht es fallen und hört den dumpfen Aufschlag des Körpers unten. Er wacht auf und vernimmt, dass ein Gegenstand, der an der Wand des Zimmers hing, sich losgelöst hat und bei seinem Auffallen einen dumpfen Ton gegeben hat. Diesen einfachen Vorgang drückt das Traumleben in einem Vorgange aus, der sich in spannenden Bildern abspielt. — Man braucht sich vorläufig gar nicht in Nachdenken darüber einzulassen, wie es komme, dass in dem letzten Beispiele sich der Augenblick des dumpfen Aufschlagens eines Gegenstandes in eine Reihe von Vorgängen auseinanderlegt, die sich durch eine gewisse Zeit auszudehnen scheinen; man braucht nur ins Auge zu fassen, wie der Traum das, was die wache Sinneswahmehmung darbieten würde, in ein Bild verwandelt.

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