Schlaf und Tod
Rätsel drängen sich jeder ernsten, tiefen Lebensbetrachtung auf diesem Felde genug auf. Man sieht den einen Menschen in Not und Elend geboren, mit nur geringen Begabungen ausgestattet, so dass er durch diese mit seiner Geburt gegebenen Tatsachen zu einem erbärmlichen Dasein vorherbestimmt erscheint. Der andere wird von dem ersten Augenblicke seines Daseins an von sorgenden Händen und Herzen gehegt und gepflegt; es entfalten sich bei ihm glänzende Fähigkeiten; er ist zu einem fruchtbaren, befriedigenden Dasein veranlagt. Zwei entgegengesetzte Gesinnungen können sich gegenüber solchen Fragen geltend machen. Die eine wird an dem haften wollen, was die Sinne wahrnehmen und der an diese Sinne sich haltende Verstand begreifen kann. Darin, dass ein Mensch in das Glück, der andere ins Unglück hineingeboren wird, wird diese Gesinnung keine Frage sehen. Sie wird, wenn sie auch nicht das Wort «Zufall» gebrauchen will, doch nicht daran denken, irgendeinen gesetzmäßigen Zusammenhang anzunehmen, der solches bewirkt. Und in bezug auf die Anlagen, die Begabungen wird eine solche Vorstellungsart sich an das halten, was von Eltern, Voreltern und sonstigen Ahnen «vererbt» ist. Sie wird es ablehnen, die Ursachen in geistigen Vorgängen zu suchen, welche der Mensch selbst vor seiner Geburt — abseits von der Vererbungslinie seiner Ahnen — durchgemacht hat und durch die er sich seine Anlagen und Begabungen gestaltet hat. — Eine andere Gesinnung wird sich durch eine solche Auffassung unbefriedigt fühlen. Sie wird sagen: es geschieht doch auch in der offenbaren Welt nichts an einem bestimmten Orte oder in einer bestimmten Umgebung, ohne dass man Ursachen voraussetzen müsste, warum dies der Fall ist. Mag auch in vielen Fällen der Mensch diese Ursachen noch nicht erforscht haben, vorhanden sind sie. Eine Alpenblume wächst nicht in der Tiefebene. Ihre Natur hat etwas, was sie mit der Alpengegend zusammenbringt. Ebenso muss es in einem Menschen etwas geben, was ihn in eine bestimmte Umgebung hineingeboren werden lässt. Mit Ursachen, die bloß in der physischen Welt liegen, ist es dabei nicht getan. Sie nehmen sich für den tiefer Denkenden so aus, als wenn die Tatsache, dass jemand einem andern einen Schlag versetzt habe, nicht mit den Gefühlen des ersteren, sondern mit dem physischen Mechanismus seiner Hand erklärt werden sollte. — Ebenso unbefriedigt muss sich diese Gesinnung mit aller Erklärung aus der bloßen «Vererbung» bei Anlagen und Begabungen zeigen. Man mag von ihr immerhin sagen: sehet, wie sich bestimmte Anlagen in Familien forterben. In zwei und einem halben Jahrhundert haben sich die musikalischen Anlagen in den Gliedern der Familie Bach vererbt. Aus der Familie Bernoulli sind acht Mathematiker hervorgegangen, die zum Teil in ihrer Kindheit zu ganz anderen Berufen bestimmt waren. Aber die «vererbten» Begabungen haben sie immer zu dem Familienberuf hingetrieben. Man mag ferner darauf verweisen, wie man durch eine genaue Erforschung der Vorfahrenreihe einer Persönlichkeit zeigen könne, dass in der einen oder der anderen Weise sich die Begabung dieser Persönlichkeit bei den Ahnen gezeigt habe und dass sie sich nur als eine Summierung vererbter Anlagen darstellt. — Wer die angedeutete zweite Art der Gesinnung hat, wird solche Tatsachen gewiss nicht außer acht lassen; sie können ihm aber nicht sein, was sie dem sind, der sich nur auf die Vorgänge in der Sinnenwelt bei seinen Erklärungen stützen will. Der erstere wird darauf hinweisen, dass sich ebensowenig die vererbten Anlagen von selbst zur Gesamtpersönlichkeit summieren können, wie sich die Metallteile der Uhr zu dieser von selbst formieren. Und wenn man ihm einwendet, dass ja doch das Zusammenwirken der Eltern die Kombination der Anlagen bewirken könne, also dieses gleichsam an die Stelle des Uhrmachers trete, so wird er erwidern: Sehet mit Unbefangenheit auf das völlig Neue hin, das mit jeder Kindes-Persönlichkeit gegeben ist; dieses kann nicht von den Eltern kommen, einfach deshalb nicht, weil es in diesen nicht vorhanden ist.[^3]