Schlaf und Tod

GA 13/l03/p022 · original (original)

Ein unklares Denken kann auf diesem Gebiet viel Verwirrung stiften. Am schlimmsten ist es, wenn von den Trägern der ersten Gesinnung diejenigen der letzteren als Gegner dessen hingestellt werden, was doch auf «sichere Tatsachen» sich stützt. Aber es braucht diesen letzteren gar nicht in den Sinn zu kommen, diesen Tatsachen ihre Wahrheit oder ihren Wert abzusprechen. Sie sehen zum Beispiel durchaus auch, dass sich eine bestimmte Geistesanlage, ja Geistesrichtung in einer Familie «forterbt» und dass gewisse Anlagen, in einem Nachkommen summiert und kombiniert, eine bedeutende Persönlichkeit ergeben. Sie vermögen durchaus zuzugeben, wenn man ihnen sagt, dass der bedeutendste Name selten an der Spitze, sondern am Ende einer Blutsgenossenschaft steht. Man sollte es ihnen aber nicht übel vermerken, wenn sie gezwungen sind, daraus ganz andere Gedanken zu bilden als diejenigen, welche nur beim Sinnlich-Tatsächlichen stehenbleiben wollen. Den letzteren kann eben erwidert werden: Gewiss zeigt ein Mensch die Merkmale seiner Vorfahren, denn das Geistig-Seelische, welches durch die Geburt in das physische Dasein tritt, entnimmt seine Leiblichkeit dem, was ihm die Vererbung gibt. Damit ist aber noch nichts gesagt, als dass ein Wesen die Eigentümlichkeiten des Mittels trägt, in das es untergetaucht ist. Es ist gewiss ein sonderbarer — trivialer — Vergleich, aber der Unbefangene wird ihm seine Berechtigung nicht absprechen, wenn gesagt wird: dass ein Menschenwesen sich in die Eigenschaften seiner Vorfahren eingehüllt zeigt, beweist für die Herkunft der persönlichen Eigenschaften dieses Wesens ebensowenig, wie es für die innere Natur eines Menschen etwas beweist, wenn er nass ist, weil er ins Wasser gefallen ist. Und weiter kann gesagt werden: wenn der bedeutendste Name am Ende einer Blutsgenossenschaft steht, so zeigt dies, dass der Träger dieses Namens jene Blutsgenossenschaft brauchte, um sich den Leib zu gestalten, den er für die Entfaltung seiner Gesamtpersönlichkeit notwendig hatte. Es beweist aber gar nichts für die «Vererbung» des Persönlichen selbst: ja es beweist für eine gesunde Logik diese Tatsache das gerade Gegenteil. Wenn sich nämlich die persönlichen Gaben vererbten, so müssten sie am Anfange einer Blutsgenossenschaft stehen und sich dann von hier ausgehend auf die Nachkommen vererben. Da sie aber am Ende stehen, so ist das gerade ein Zeugnis dafür, dass sie sich nicht vererben.

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Cite: GA 13/l03/p022 · edition original