Schlaf und Tod
Nicht in Abrede soll gestellt werden, dass — von den übersinnlichen Beobachtungen natürlich abgesehen — der eben angeführte Beweis durch die krafthervorbringende Gewalt der entsprechenden Gedanken der einzige ist, der jeder unbefangenen Logik standhält. Alle anderen Erwägungen sind gewiss sehr bedeutsam; aber sie werden doch alle etwas haben, an dem ein Gegner Angriffspunkte finden kann. Wer allerdings sich genug unbefangenen Blick angeeignet hat, der wird schon in der Möglichkeit und Tatsächlichkeit der Erziehung bei dem Menschen etwas finden, was logisch wirkende Beweiskraft dafür hat, dass ein geistiges Wesen sich in der leiblichen Hülle zum Dasein ringt. Er wird das Tier mit dem Menschen vergleichen und sich sagen: bei dem ersteren treten die für dasselbe maßgebenden Eigenschaften und Befähigungen mit der Geburt als etwas in sich Bestimmtes auf, das deutlich zeigt, wie es durch die Vererbung vorgezeichnet ist und sich an der Außenwelt entfaltet. Man sehe, wie das junge Küchlein Lebensverrichtungen von Geburt an in bestimmter Art vollzieht. An den Menschen aber tritt durch die Erziehung mit seinem Innenleben etwas in ein Verhältnis, was ohne alle Beziehung zu einer Vererbung stehen kann. Und er kann in der Lage sein, die Wirkungen solcher äußeren Einflüsse sich anzueignen. Wer erzieht, der weiß, dass solchen Einflüssen vom Innern des Menschen Kräfte entgegenkommen müssen; ist das nicht der Fall, dann ist alle Schulung und Erziehung bedeutungslos. Für den unbefangenen Erzieher stellt sich sogar ganz scharf die Grenze hin zwischen den vererbten Anlagen und jenen inneren Kräften des Menschen, welche durch diese Anlagen hindurchleuchten und welche aus früheren Lebensläufen herrühren. Sicherlich kann man für solche Dinge nicht so «gewichtige» Beweise anführen, wie für gewisse physikalische Tatsachen durch die Waage. Aber dafür sind diese Dinge eben die Intimitäten des Lebens. Und für den, der Sinn dafür hat, sind auch solche nicht handgreifliche Belege beweisend; sogar beweisender als die handgreifliche Wirklichkeit. Dass man ja auch Tiere dressieren kann, sie also gewissermaßen durch Erziehung Eigenschaften und Fähigkeiten annehmen, ist für den, der auf das Wesentliche zu schauen vermag, kein Einwand. Denn abgesehen davon, dass sich in der Welt allerorten Übergänge finden, verschmelzen die Ergebnisse der Dressur bei einem Tiere keineswegs in gleicher Art mit seinem persönlichen Wesen wie beim Menschen. Man betont ja sogar, wie die Fähigkeiten, welche den Haustieren im Zusammenleben mit dem Menschen andressiert werden, sich vererben, das heißt sofort gattungsmäßig, nicht persönlich wirken. Darwin beschreibt, wie Hunde apportieren, ohne dazu angelernt zu sein oder es gesehen zu haben. Wer wollte ein gleiches von der menschlichen Erziehung behaupten?