{"corpus":"steiner","locus":"GA 13/l03/p027","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nun gibt es Denker, welche durch ihre Beobachtungen über die Meinung hinauskommen, dass der Mensch durch die rein vererbten Kräfte von außen zusammengefügt sei. Sie erheben sich bis zu dem Gedanken, dass ein geistiges Wesen, eine Individualität, dem leiblichen Dasein vorangehe und dieses gestalte. Aber viele von ihnen finden doch nicht die Möglichkeit, zu begreifen, dass es wiederholte Erdenleben gibt, und dass in dem Zwischendasein zwischen den Leben die Früchte der vorigen mitgestaltende Kräfte sind. Es sei aus der Reihe solcher Denker einer angeführt. Immanuel Hermann Fichte, der Sohn des großen Fichte, führt in seiner «Anthropologie» seine Beobachtungen an, die ihn (Seite 528) zu folgendem zusammenfassenden Urteil bringen:[^4] «Die Eltern sind nicht die Erzeuger in vollständigem Sinne: den organischen Stoff bieten sie dar, und nicht bloß diesen, sondern zugleich jenes Mittlere, Sinnlich-Gemütliche, welches sich in Temperament, in eigentümlicher Gemütsfärbung, in bestimmter Spezifikation der Triebe und dergleichen zeigt, als deren gemeinschaftliche Quelle die ‹Phantasie› in jenem weitern, von uns nachgewiesenen Sinn sich ergeben hat. In allen diesen Elementen der Persönlichkeit ist die Mischung und eigentümliche Verbindung der Elternseelen unverkennbar; diese daher für ein bloßes Produkt der Zeugung zu erklären, ist vollkommen begründet, noch dazu, wenn, wofür wir uns entscheiden mussten, die Zeugung als wirklicher Seelenvorgang aufgefasst wird. Aber der eigentliche, schließende Mittelpunkt der Persönlichkeit fehlt hier gerade; denn bei tiefer eindringender Beobachtung ergibt sich, dass auch jene gemütlichen Eigentümlichkeiten nur eine Hülle und ein Werkzeugliches sind, um die eigentlich geistigen idealen Anlagen des Menschen in sich zu fassen, geeignet, sie zu fördern in ihrer Entwicklung oder zu hemmen, keineswegs aber fähig, sie aus sich entstehen zu lassen.» Und weiter wird da gesagt: «Jeder präexistiert nach seiner geistigen Grundgestalt; denn geistig betrachtet gleicht kein Individuum dem andern, sowenig als die eine Tierspezies einer der übrigen» (Seite 532). Diese Gedanken greifen nur so weit, dass sie in die physische Leiblichkeit des Menschen eintreten lassen eine geistige Wesenheit. Da deren gestaltende Kräfte aber nicht aus Ursachen früherer Leben hergeleitet werden, so müsste jedesmal, wenn eine Persönlichkeit ersteht, eine solche geistige Wesenheit aus einem göttlichen Urgrunde hervorgehen. Unter dieser Voraussetzung bestände aber keine Möglichkeit, die Verwandtschaft zu erklären, die ja besteht zwischen den sich aus dem menschlichen Innern herausringenden Anlagen und dem, was von der äußeren irdischen Umgebung im Laufe des Lebens an dieses Innere herandringt. Das menschliche Innere, das für jeden einzelnen Menschen aus einem göttlichen Urgrunde stammte, müsste ganz fremd gegenüberstehen dem, was ihm im irdischen Leben gegenübertritt. Nur dann wird das — wie es ja tatsächlich ist — nicht der Fall sein, wenn dieses menschliche Innere mit dem Äußern bereits verbunden war, wenn es nicht zum ersten Male in diesem lebt. Der unbefangene Erzieher kann klar die Wahrnehmung machen: ich bringe aus den Ergebnissen des Erdenlebens an meinen Zögling etwas heran, was zwar seinen bloß vererbten Eigenschaften fremd ist, was ihn aber doch so anmutet, als ob er bei der Arbeit, aus welcher diese Ergebnisse stammen, schon dabei gewesen wäre. Nur die wiederholten Erdenleben im Zusammenhang mit den von der Geistesforschung dargelegten Tatsachen im geistigen Gebiet zwischen den Erdenleben: nur dies alles kann eine befriedigende Erklärung des allseitig betrachteten Lebens der gegenwärtigen Menschheit geben. — Ausdrücklich wird hier gesagt: der «gegenwärtigen» Menschheit. Denn die geistige Forschung ergibt, dass allerdings einmal der Kreislauf der Erdenleben begonnen hat und dass damals andere Verhältnisse als gegenwärtig für das in die leibliche Hülle eintretende geistige Wesen des Menschen bestanden haben. In den folgenden Kapiteln wird auf diesen urzeitlichen Zustand des Menschenwesens zurückgegangen. Wenn dadurch aus den Ergebnissen der Geisteswissenschaft heraus wird gezeigt worden sein, wie dieses Menschenwesen seine gegenwärtige Gestalt im Zusammenhang mit der Erdentwicklung erhalten hat, wird auch noch genauer darauf hingedeutet werden können, wie der geistige Wesenskern des Menschen aus übersinnlichen Welten in die leiblichen Hüllen eindringt, und wie das geistige Verursachungsgesetz, das «menschliche Schicksal», sich heranbildet.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Schlaf und Tod","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":633,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/13/l03/p027","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["AP1972","RSP1969"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/13/l03/p027"},{"lang":"en","edition":"RSP1969","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/13/l03/p027"},{"lang":"en","edition":"AP1972","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":false,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/13/l03/p027?edition=AP1972"}]}