Die Morgenröte des neueren Okkultismus

GA 130/1912-01-29/p007 ·1912-01-29 · original (original)
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Im menschlichen Seelenleben haben wir vorzugsweise drei Arten von Seelenerlebnissen zu unterscheiden. Erstens unsere Vorstellungen, unsere Gedanken. Wenn wir uns etwas vorstellen, so kann das ja in ganz neutraler Weise geschehen. Wir brauchen das, was wir uns vorstellen, nicht zu lieben oder zu hassen, ihm weder sympathisch noch antipathisch gegenüberzutreten. An die Vorstellungen reiht sich das Leben in den Gemütsstimmungen, die dadurch entstehen, dass wir das eine gerne haben, lieben, das andere verabscheuen, hassen und so weiter. Eine dritte Art von Seelenerlebnissen bilden die Willensimpulse. Es gibt wohl Übergänge, aber im Großen und Ganzen sind es diese drei Kategorien von Seelenerlebnissen. Und es ist ein Grundzug eines gesunden Seelenlebens, diese drei Erlebnisarten gesondert haben zu können. Unser Vorstellungsleben entsteht dadurch, dass wir äußere Anregungen empfangen. Nun wird jeder leicht einsehen können, dass dieses Vorstellungsleben am engsten zusammenhängt mit der gegenwärtigen Inkarnation. Es wird schon daraus klar, wenn wir bedenken, dass uns die Sprache zum Ausdruck der Vorstellungen dient. Und die Sprache kann natürlich in jeder Inkarnation nur eine andere sein. Ebenso wenig wie wir die Sprache mitbringen, wenn wir eine neue Inkarnation beginnen, ebenso wenig bringen wir die Vorstellungen mit. Beides, sowohl die Sprache als auch die Vorstellungen, müssen wir in jeder Inkarnation neu erringen. Hebbel hat einmal in sein Tagebuch einen merkwürdigen Eintrag gemacht. Er meinte, wie drastisch etwa ein Stück wirken müsste, in dem der wiederverkörperte Plato am meisten kujoniert wird von seinem Lehrer wegen schlechten Plato-Verständnisses. — Also das Vorstellungsleben geht nicht hinüber von einer Inkarnation zur anderen, und vom Vorstellungsleben nimmt der Mensch am wenigsten mit in die nachtodliche Welt. Wir bilden uns keine Vorstellungen nach dem Tode, sondern nehmen die Dinge unmittelbar wahr, wie unser physisches Auge die Farbe wahrnimmt. Das, was wir als Begriffswelt kennen, sehen wir nach dem Tode wie ein Netz, das über die Welt ausgespannt ist. Das aber, was uns bleibt, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind, und was wir auch bei einer neuen Erdengeburt wieder mitbringen als seelische Anlagen, das sind unsere Gemütsbewegungen, unsere Gemütsstimmungen. Und wir werden bei einem Kinde zum Beispiel, das in Bezug auf sein Vorstellungsleben noch sehr wenig weit ist, bemerken können, wie dagegen sein Empfindungsleben schon ganz bestimmte Linien zeigt. Und weil unsere Willensimpulse an die Gemütsverfassung geknüpft sind, so gehen auch sie mit uns durch die Pforte des Todes. Wenn zum Beispiel der Mensch sich einem Irrtum hingibt, so bewirkt das in seinem Gemüt etwas anderes, als wenn er sich einer Wahrheit hingibt. An diesen Folgen falscher Vorstellungen leiden wir noch lange nach dem Tode. Daher müssen wir sagen, dass wir auf das sehen müssen, was unsere Gemütsstimmungen und Willensimpulse sind, wenn wir uns fragen, was denn eigentlich von Inkarnation zu Inkarnation geht.

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Cite: GA 130/1912-01-29/p007 · edition original