{"corpus":"steiner","locus":"GA 130/1912-01-29/p008","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nehmen wir nun einmal an, es habe uns vor zehn oder zwanzig Jahren ein schmerzliches Ereignis getroffen. Wir werden uns heute in unseren Vorstellungen noch ganz gut daran erinnern können, sogar an alle Einzelheiten. Aber wie verblasst ist der Schmerz, den wir damals empfunden haben, und wie wenig ist der Mensch imstande, die damaligen Gemütsbewegungen und Willensimpulse nachzuerleben. Denken wir einmal an Bismarck, von dem ja bekannt ist, unter wie außerordentlich schwierigen Verhältnissen er 1866 zum Kriege geschritten ist. Welche Gemütsbewegungen, welche ungeheure Fülle von Willensimpulsen hat sich da in Bismarcks Seele abgespielt! Aber wird Bismarck auch beim Schreiben seiner Lebenserinnerungen diese seelischen Erregungen und Willensentschlüsse wieder durchlebt haben in annähernd derselben Stärke? Gewiss nicht! Das menschliche Gedächtnis ist so beschaffen zwischen Geburt und Tod, dass es als Vorstellungsgedächtnis vorhanden ist. Natürlich kann es sein, dass auch noch nach zehn oder zwanzig Jahren uns Schmerz überkommt bei der Erinnerung an ein damals stattgehabtes, für uns schmerzliches Ereignis, aber im Allgemeinen wird der Schmerz stark verblasst sein im Laufe der Jahre, während sich in unserer Vorstellung die Erinnerung bis auf Einzelheiten erstrecken kann. Wenn wir uns nun vorstellen, wir hätten solche schmerzlichen Ereignisse gewollt, wir hätten sympathisch gefunden, was wir als junger Mensch vielleicht ganz unsympathisch gefunden haben, dann rüttelt die Schwierigkeit dieser Tätigkeit die Seele auf; sie wirkt hinüber in unser Gemüt. Wenn uns früher vielleicht ein Stein auf den Kopf gefallen ist, so versuchen wir jetzt mit aller Kraft, uns vorzustellen, dass wir das selbst so gewollt hätten. Durch solche Vorstellungen, dass wir den Zufall, der uns betroffen, selbst gewollt hätten, bekommen wir ein Gemütsgedächtnis für unsere früheren Inkarnationen. Auf diese Weise erhalten wir eine Vorstellung davon, wie wir hineingestellt sind in die geistige Welt. Unser Schicksal fangen wir an zu verstehen. Den Willen zu den Zufälligkeiten dieses Lebens haben wir aus unserer vorigen Inkarnation mitgebracht.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Morgenröte des neueren Okkultismus","site_heading":null,"date":"1912-01-29","location":null,"word_count":307,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/130/1912-01-29/p008","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/130/1912-01-29/p008"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/130/1912-01-29/p008","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null},"also_served_as":{"lectures":["1912-01-29_02"],"note":"The identical text is also served under the loci listed here. They are the SAME witness under different ids, not independent attestations: do not cite two of them as corroborating each other."}}