Intimitäten des Karma
Merkwürdige Sachen wollen wir machen. Wir wollen für alles, was uns getroffen hat, probeweise einmal uns vorstellen, dass wir es doch selbst gewollt hätten, dass wir geradezu den Willen dazu entfaltet hätten. Nehmen wir an, ein Ziegel hätte sich losgelöst vom Dache und wäre uns auf die Schulter gefallen. Wollen wir uns einmal probeweise vorstellen, dass uns das nicht zufällig getroffen hat. Wir wollen direkt den Gedanken ausarbeiten: Wie wäre es, wenn du auf dem Dache gewesen wärest, den Ziegelstein gelockert hättest, dass er lose hing, und wärest dann heruntergegangen, und zwar so schnell, dass du gerade unten ankamst, als der herabfallende Ziegel anlangte und er dich dann getroffen hätte! - Also solch eine Betrachtung stellen wir einmal an. Oder sagen wir, wenn wir uns, scheinbar ohne Veranlassung, eine Erkältung zugezogen hätten, wie wäre cs, wenn wir das selbst gemacht hätten? Zum Beispiel einer unglücklichen Dame gleich, die sich, unzufrieden mit ihrem Schicksal, absichtlich einer Erkältung ausgesetzt hat, an deren Folgen sie auch starb. Also die Dinge, die wir sonst als zufällige erkennen, wollen wir in eine Gedankenfassung bringen, als ob wir sie sorgsam vorbereitet hätten, derart, dass sie uns dann betroffen hätten. Ebenso wollen wir es machen mit denjenigen Dingen, die mit unseren Fähigkeiten und Eigenschaften zusammenhängen. Sagen wir, es glückt uns etwas nicht. Zum Beispiel, wenn wir einen Eisenbahnzug versäumen, da wollen wir uns nicht vorstellen, dass alle möglichen äußeren Verhältnisse schuld daran waren, sondern wir wollen uns vorstellen, dass wir durch unsere Nichtsnutzigkeit versäumt hätten, zurechtzukommen. Denken wir uns dies probeweise so aus. Wenn man das macht, kommt man dazu, nach und nach aus diesen Gedanken heraus eine Art Menschen erphantasieren zu können. Es würde das ein sonderbarer Mensch sein, den wir uns da zusammenphantasieren, ein Mensch, der dies alles getan hätte: dass uns ein Stein auf die Schulter fällt, dass wir diese oder jene Krankheit bekommen und so weiter. Wir werden natürlich erkennen, dass wir nicht das selber sind. Aber wir malen uns einen solchen Menschen aus, recht klar. Da werden wir eine recht eigentümliche Erfahrung machen an einem solchen Menschen. Wir werden nämlich nach einiger Zeit merken: Das hast du natürlich nicht getan, und der Mensch ist ein erträumter. Aber wir können von diesem Menschen nicht mehr loskommen. Wir bringen den Gedanken nicht mehr los. Und merkwürdigerweise bleibt er nicht so, wie er ist. Er wird lebendig in uns, verwandelt sich in uns. Und dann, wenn er sich verwandelt hat, bekommen wir den Eindruck, als ob er doch in uns stecken würde, dieser Mensch. Und wir erhalten dadurch merkwürdigerweise immer mehr und mehr die Gewissheit: Wir selbst haben doch in einer gewissen Weise vorbereitet, was wir uns hier ausgemalt haben. Das heißt, es ist dies keineswegs das Gefühl, dass wir das einmal wirklich getan hätten, aber es sind Gedanken, die doch dem entsprechen, was wir in einer gewissen Weise getan haben. Man wird sich sagen: Du hast da und da etwas gemacht, was du jetzt erleidest, es ist für das oder jenes. Es ist eine sehr gute Übung, um eine Art Gemütsgedächtnis herauszubringen für unsere früheren Inkarnationen. Es legt sich dadurch etwas über unsere Seele, aus dem wir fühlen können: Du warst da und hast dir das vorbereitet.
Cite:
GA 130/1912-02-09/p005 · edition original