Dritter Vortrag

GA 131/1911-10-07/p019 ·1911-10-07 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Eines könnte jeder aus den Tatsachen der Überlieferung erkennen, wenn er nur eingehen würde auf das, was man trotz aller Konzilienmeinungen und trotz alles dessen, was die einzelnen Menschen als Kirchenväter, Kirchenlehrer und so weiter geschrieben haben, bei unbefangener Betrachtung der Überlieferung gewahr werden kann, was durch die Überlieferungen durchsickert: daß der Jesus von Nazareth zum Beispiel nicht ein Adept genannt werden darf. Denn jeder könnte sich fragen: Wo ist in der Überlieferung etwas davon enthalten, was den Begriff des Adepten, wie wir ihn in der theosophischen Lehre haben, auf den Jesus von Nazareth anwenden läßt? — Das eine wurde gerade in den ersten Zeiten des Christentums betont: daß derjenige, der Jesus von Nazareth genannt wird,ein Mensch war wie jeder andere, ein schwacher Mensch wie jeder andere. Und diejenigen kommen dem Sinn dessen, der in die Welt gekommen ist, am nächsten, die das Wort vertreten: Jesus war ein wahrer Mensch! Also nichts von einem Adeptenbegriff ist eigentlich in der Überlieferung, wenn wir sie ordentlich betrachten, zu erkennen. Und wenn Sie sich an alles erinnern, was in den verflossenen Vorträgen gesagt worden ist über die Entwickelung des Jesus von Nazareth — über die Entwickelung des einen Jesusknaben, in dem Zarathustra bis zum zwölften Jahre gelebt hat, und über die Entwickelung des anderen Jesusknaben, in welchem Zarathustra dann bis zum dreißigsten Jahre gelebt hat —, so werden Sie sich zwar sagen: da hat man es mit einem besonderen Menschen zu tun, mit einem Menschen, zu dessen Wesen sozusagen die Weltgeschichte, die Weltentwickelung die größten Anstalten machte schon dadurch, daß sie zwei menschliche Leiber schafft und den einen menschlichen Leib bis zum zwölften Jahre, den anderen vom zwölften bis zum dreißigsten Jahre bewohnt sein läßt von der Zarathustra-Individualität —, aber wir werden uns auch sagen: dadurch, daß diese zwei Jesus-Gestalten so bedeutende Individualitäten waren, stand der Jesus von Nazareth auch hoch, ist aber nicht auf demselben Wege wie eine Adepten-Individualität, die kontinuierlich von Inkarnation zu Inkarnation schreitet, hochgestiegen. Doch selbst abgesehen davon: im dreißigsten Jahre, wo die Christus-Individualität in den Leib des Jesus von Nazareth einzieht, verläßt ja gerade der Jesus von Nazareth diesen Leib, und wir haben es von dem Moment der Johannes-Taufe ab zu tun — wenn wir jetzt nicht von dem Christus sprechen — mit einem Menschen, den wir im wahrsten Sinne des Wortes als einen bloßen Menschen zu bezeichnen haben, nur daß er der Träger des Christus ist. Aber wir haben zu unterscheiden den Träger des Christus — und den Christus selbst in diesem Träger. In diesem Leib, der der Christus-Träger ist, wohnte, weil sie von der Zarathustra-Individualität verlassen ist, keine menschliche Individualität, die etwa eine besonders hohe Entwickelung erlangt hatte. Die Entwickelung, die der Jesus von Nazareth zeigte, diese Entwickelungsstufe rührte davon her, daß die Zarathustra-Individualität in ihm wohnte. Aber diese menschliche Natur ist von der Zarathustra-Individualität, wie wir wissen, verlassen. Deshalb war es auch, warum diese menschliche Natur sogleich, als die Christus-Individualität von ihr Besitz ergriffen hatte, ihr alles das entgegensandte, was sonst aus der menschlichen Natur herauskommt: den Versucher. Deshalb war es auch, daß der Christus alle Verzweiflung und alle Sorgen durchmachen konnte, wie sie uns als die Vorgänge auf dem Olberg geschildert werden. Wer außer acht läßt, daß die Christus-Wesenheit nicht in einem Menschen gewohnt hat, der eine besondere Adeptenhöhe erlangt hatte, sondern in einem einfachen Menschen, der sich dadurch von den andern unterschied, daß er nur der zurückgelassene menschliche Hüllenorganismus war, in dem Zarathustra gelebt hatte, wer das nicht beachtet, der kann nicht zu einer wirklichen Erkenntnis des Wesens des Christus vordringen. Was der Christus-Träger war, ist wahrer Mensch, ist nicht ein Adept! Dadurch aber, daß wir das erkennen, wird sich uns erst ein wenig Aussicht eröffnen auf die ganze Natur des Golgatha- und des Palästina-Ereignisses überhaupt. Würden wir den Christus Jesus einfach als einen hohen Adepten auffassen, so würden wir ihn in eine Linie stellen müssen mit anderen Adepten-Naturen. Wir tun das nicht. Es mag vielleicht solche Leute geben, die uns sagen: Wir tun das nicht, weil wir von vornherein aus irgendeinem Vorurteil heraus den Christus Jesus über alle anderen Adepten als einen noch höheren Adepten stellen wollen. Die das sagen würden, wüßten nicht, was wir als die Ergebnisse der okkulten Forschung in unserer Zeit verkündigen müssen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/131/1911-10-07/p019.json
Cite: GA 131/1911-10-07/p019 · edition original