Dritter Vortrag

GA 131/1911-10-07/p031 ·1911-10-07 · original (original)
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Da ist zum Beispiel derjenige Geist, der in seiner ganzen Seelenentwickelung als ein scharfer Gegner dessen angesehen werden kann, was wir charakterisiert haben als den Jesuitismus: Blaise Pascal, der groß dasteht in der Geistesentwickelung, wie ein Geist, der alles abgelegt hat, was an Schäden der alten Kirchen heraufgekommen ist, der aber auch nichts von dem modernen Rationalismus aufgenommen hat. Wie große Geister immer, so ist auch er im Grunde genommen einsam geblieben mit seinen Gedanken. Aber was liegt seinen Gedanken im Beginne der neueren Zeit zugrunde? Wenn man darauf eingeht, sieht man aus den Schriften, die er hinterlassen hat, namentlich aus seinen anregenden «Gedanken», die für jeden leicht zugänglich sind, da sie in der Reclamschen Universal-Bibliothek erschienen sind, was er darüber empfand, wie die Menschen hätten werden müssen, wenn das Christus-Ereignis nicht in die Welt gekommen wäre, Im Geheimen seiner Seele hat sich Pascal die Frage vorgehalten: Was wäre aus den Menschen geworden, wenn kein Christus in die Menschheitsentwickelung eingegriffen hätte? Und er hat sich gesagt: Das können wir fühlen, daß der Mensch in seiner Seele zwei Gefahren entgegengeht. Die eine Gefahr liegt darin, daß der Mensch den Gott erkennt als mit seiner eigenen Wesenheit identisch: Gottes-Erkenntnis in der Menschheits-Erkenntnis. Wozu führt sie? Wenn sie nur so auftritt, daß der Mensch den Gott selbst erkennt, so führt sie zum Stolz, zum Hochmut, zum Übermut; und der Mensch vernichtet seine besten Kräfte, weil er sie verhärtet im Hochmut und Stolz. Das wäre eine Gottes-Erkenntnis, die immer möglich gewesen wäre, auch wenn kein Christus gekommen wäre, wenn das Christus-Ereignis nicht als ein Impuls in allen Menschenherzen gewirkt hätte. Gott hätten die Menschen immer erkennen können, aber stolz wären sie geworden durch das Bewußtsein in ihrer eigenen Brust. Oder aber es hätte Menschen geben können, die sich gegen die Gottes-Erkenntnis verschließen, die nicht den Gott erkennen wollen. Deren Blick fällt nun auf etwas anderes: auf die menschliche Ohnmacht, auf das menschliche Elend — und dann folgt notwendig die menschliche Verzweiflung. Das wäre die andere Gefahr gewesen, die Gefahr derer, die die Gottes-Erkenntnis abgelehnt hätten. Diese zwei Wege, sagt Pascal, sind nur möglich: Stolz und Hochmut — oder Verzweiflung. Da trat das Christus-Ereignis in die Menschheitsentwickelung und bewirkte, daß jeder Mensch eine Kraft empfing, die ihn nicht nur den Gott empfinden läßt, sondern denjenigen Gott, der mit den Menschen gleich gewesen ist, der mit den Menschen gelebt hat. Das ist die einzige Heilung des Stolzes, wenn man den Blick hinrichtet auf den Gott, der sich dem Kreuze gebeugt hat; wenn die Seele hinblickt auf den unter dem Kreuzestode sich beugenden Christus. Das ist aber auch der einzige Heiler von aller Verzweiflung. Denn diese Demut ist nicht eine, die schwach macht, sondern die eine Kraft gibt, die über alle Verzweiflung heilend hinausgeht. Als der Mittler zwischen Stolz und Verzweiflung dämmert auf in der Menschenseele der Helfer, der Heiland, im Sinne eines Pascal. Das kann aber jeder Mensch fühlen, auch ohne Hellsehen. Und das ist die Vorbereitung für den Christus, der vom zwanzigsten Jahrhundert ab für alle Menschen sichtbar sein wird, der als der Heiler für Stolz und Verzweiflung in jeder Menschenbrust auferstehen wird, der nur eben früher nicht in derselben Art gefühlt werden konnte.

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Cite: GA 131/1911-10-07/p031 · edition original