{"corpus":"steiner","locus":"GA 131/1911-10-07/p032","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Und der zweite Zeuge, den ich aufrufen möchte aus der großen Reihe der Menschen, die dies fühlen, was jedem Christen eigen sein kann, ist der in manchem anderen Zusammenhange schon erwähnte Wladimir Solowjow. Solowjow wieder weist hin auf zwei Kräfte in der Menschennatur, zwischen denen als der Mittler der persönliche Christus drinnenstehen soll. Er sagt: Ein Zweifaches ist es, wonach sich die Menschenseele sehnt: nach Unsterblichkeit und nach Weisheit oder sittlicher Vervollkommnung. Beide aber sind nicht von vornherein der menschlichen Natur eigen. Denn die menschliche Natur teilt die Eigentümlichkeit aller Naturen, und die Natur führt nicht zur Unsterblichkeit, sondern zum Tode. Und in schönen Betrachtungen führt nun der große Denker der Gegenwart aus, wie auch die äußere Wissenschaft zeigt, wie sich der Tod über alles breitet. Schauen wir also in die äußere Natur, so antwortet sie unserer Erkenntnis: der Tod ist! In uns aber lebt die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. Warum? weil die Sehnsucht nach Vervollkommnung in uns lebt. Und um zu sehen, daß die Sehnsucht nach Vervollkommnung in uns lebt, dazu gehört nur ein Blick in die menschliche Seele. Ebenso wahr, sagt Solowjow, wie die rote Rose mit der roten Farbe behaftet ist, ebenso wahr ist die menschliche Seele behaftet mit der Sehnsucht nach Vervollkommnung. Ein Vollkommenheitsstreben aber ohne Sehnsucht nach Unsterblichkeit ist die Lüge des Daseins, meint Solowjow. Denn unsinnig wäre es, wenn die Seele wie alles Naturdasein mit dem Tode enden würde. Aber alles Naturdasein antwortet uns: der Tod ist! Daher ist die menschliche Seele genötigt, über das Naturdasein hinauszugehen, um die Antwort sich anderswo zu suchen im Sinne des genannten Philosophen. Und er sagt nun: Sehet hin auf die Naturforscher: was geben sie euch für eine Antwort, wenn sie den Zusammenhang der menschlichen Seele mit der Natur lehren wollen? Eine mechanische Naturordnung, sagen sie, waltet, und der Mensch ist darin eingefügt. Und was antworten euch die Philosophen? Eine leere abstrakte Gedankenwelt durchziehe alle Naturtatsachen als das Geistige, was philosophisch zu erkennen ist. Beides ist keine Antwort, wenn der Mensch sich bewußt wird und aus diesem Bewußtsein heraus frägt: Was ist Vervollkommnung? — Wenn er sich bewußt wird, daß er die Sehnsucht nach Vervollkommnung, nach Wahrheitsleben haben muß, und wenn er nach der Kraft fragt, welche ihm diese Sehnsucht befriedigen kann, da eröffnet sich ihm der Ausblick auf ein Reich, das zunächst dasteht wie eine Frage, das da sein muß für die menschliche Seele wie eine Rätselfrage, ohne deren Realisierung sich die menschliche Seele nur für eine Lüge halten kann: das Reich der Gnade über der Natur. Das Reich der Gnade kann keine Philosophie, keine Naturwissenschaft mit dem Dasein verbinden; denn die Naturkräfte wirken mechanisch, und die Gedankenkräfte haben nur Gedankenrealität. Was aber hat eine volle Realität, um die Seele zu verbinden mit der Unsterblichkeit? Das hat der in der Welt wirkende persönliche Christus. Und nur der lebendige Christus, nicht der bloß gedachte, kann die Antwort geben. Der bloß in der Seele wirkende ließe ja die Seele doch allein; denn die Seele kann sich nicht allein das Reich der Gnade gebären. Was über die Natur hinausgeht, was als eine reale Tatsache dasteht wie die Natur selber: der persönliche, der historische Christus, der ist es, der nicht eine Gedankenantwort, sondern eine reale Antwort gibt.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Dritter Vortrag","site_heading":null,"date":"1911-10-07","location":null,"word_count":535,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/131/1911-10-07/p032","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/131/1911-10-07/p032"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/131/1911-10-07/p032","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}