Dritter Vortrag

GA 131/1911-10-07/p034 ·1911-10-07 · original (original)
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Und diese Tatsache fühlend, nannte man jenes Bewußtsein, das Pascal und Solowjow klassisch geschildert haben, einen Glauben. So haben es auch die anderen genannt. Mit dem Glaubensbegriff kann man in bezug auf die menschliche Seele nach zwei Richtungen hin in einen sonderbaren Konflikt kommen. Gehen Sie die Entwicklung des Glaubensbegriffes durch, und sehen Sie sich die Kritik an in bezug auf den Glaubensbegriff. Heute ist man so weit, daß man sagt, es müsse der Glaube durch das Wissen gelenkt werden, und es müsse ein Glaube abgelehnt werden, der sich nicht auf ein Wissen stützt. Der Glaube soll sozusagen abgesetzt werden und ersetzt werden durch ein Wissen. Im Mittelalter stellte man gerade die Gegenstände der höheren Welten als Glauben hin und man betrachtete den Glauben als etwas Berechtigtes. Das ist auch der Grundnerv des Protestantismus, daß der Glaube neben dem Wissen als etwas Berechtigtes angesehen wird. So ist der Glaube etwas, was aus der menschlichen Seele hervorgeht, neben den das Wissen hingestellt ist, das für alle gemeinschaftlich sein soll. Es ist interessant noch zu sehen, wie über diesen Glaubensbegriff ein Philosoph, den viele für einen großen halten, nicht hinausgekommen ist: Kant. Denn sein Glaubensbegriff geht dahin, daß der Mensch das, was er über solche Dinge wie Gott, Unsterblichkeit und so weiter gewinnen soll, hereinleuchten haben soll aus ganz anderen Regionen; aber nur durch einen sittlichen Glauben, nicht durch ein Wissen.

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