{"corpus":"steiner","locus":"GA 131/1911-10-07/p036","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Und nun kommt ein Philosoph, der in einer gewissen Weise anerkennt den Glaubensbegriff, um zu dem Christus ein Verhältnis zu gewinnen, das bisher nicht möglich war, der aber nun die Sache so ansieht, daß er in diesem Glauben, insofern er sich auf den Christus bezieht, eine Tat der Notwendigkeit, der inneren Pflicht anerkennt. Denn für Solowjow heißt der Gegensatz jetzt nicht: «Glauben — oder nicht glauben», sondern für ihn wird jetzt der Glaube eine Notwendigkeit durch sich selbst. Er meint, wir sind verpflichtet an den Christus zu glauben, weil wir uns sonst selbst aufheben und unser Dasein als eine Lüge bezeichnen müßten. Wie die Kristallgestalt bei einer mineralischen Substanz, so tritt der Glaube auf in der menschlichen Seele als ihre eigentliche Natur, Daher muß die Seele sagen: Erkenne ich die Wahrheit an — und nicht die Lüge von mir selber, dann muß ich in meiner eigenen Seele den Glauben realisieren. Ich bin zu dem Glauben verpflichtet; aber ich kann nicht anders dazu kommen als durch meine eigene freie Tat. — Und darin sieht Solowjow gleichsam das Auszeichnende der Christus-Tat, daß der Glaube zugleich eine Notwendigkeit und zugleich eine sittlich freie Tat ist. Es wird der Seele gleichsam gesagt: Du kannst gar nicht anders, wenn du dich nicht selbst auslöschen willst: den Glauben mußt du dir erwerben; aber er muß deine eigene freie 'Tat sein! Und ebenso wie Pascal bringt dieser Philosoph das, was da die Seele erlebt, um sich nicht als Lüge zu empfinden, in Zusammenhang mit dem historischen Christus Jesus, wie er durch die Ereignisse in Palästina eingetreten ist in die Menschheitsentwickelung. Deshalb sagt Solowjow: Wäre Christus nicht eingetreten in die menschliche Entwickelung, wie er als historischer Christus gedacht werden muß, hätte er nicht gebracht, daß die Seele sowohl die innerlich freie Tat wie auch die gesetzliche Notwendigkeit des Glaubens empfindet, so würde die menschliche Seele in der nachchristlichen Zeit verpflichtet sein, sich selber auszulöschen und nicht zu sagen: Ich bin, sondern zu sagen: Ich bin nicht! — Das wäre im Sinne dieses Philosophen die Entwickelung in der nachchristlichen Zeit gewesen, daß ein inneres Bewußtsein die Menschenseele durchdrungen hätte von dem «Ich bin nicht»! In dem Augenblicke, wo die Seele sich aufrafft zu der Tat, das Sein sich selbst beizulegen, kann sie nicht anders als sich zurückzuführen auf den historischen Christus Jesus.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Dritter Vortrag","site_heading":null,"date":"1911-10-07","location":null,"word_count":383,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/131/1911-10-07/p036","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/131/1911-10-07/p036"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/131/1911-10-07/p036","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}