Siebenter Vortrag
So wie das, was eben in dieser Stunde gesagt worden ist, vom Standpunkte der modernen Anatomie oder Physiologie aus zu widerlegen — scheinbar zu widerlegen ist, so ist es natürlich auch kinderleicht, einen anderen Einwand jetzt zu erheben. Es könnte etwa gesagt werden: Wenn schon wirklich Paulus geglaubt hat, daß da ein spiritueller Leib auferstanden ist, was hat dann dieser spirituelle Leib, der sich damals aus dem Grabe erhoben hat, mit dem zu tun, was nun jeder Mensch in sich trägt? — Zu verstehen ist es schon. Man braucht es sich nur nach der Analogie dessen zu denken, wodurch jeder Mensch als physischer Mensch da ist. Gefragt könnte werden: wovon geht der einzelne Mensch aus? Als physischer Mensch geht er aus von der einen Eizelle. Ein physischer Leib besteht aber aus lauter einzelnen Zellen, welche alle die Kinder der ursprünglichen Eizelle sind; alle Zellen, die einen menschlichen Leib zusammensetzen, führen auf die ursprüngliche Eizelle zurück. So denken Sie sich nun, daß der Mensch durch das, was man sich als mystisch christologischen Prozeß vorstellen kann, einen ganz anderen Leib bekommt, als der ist, welchen er allmählich in der absteigenden Linie bekommen hat. Und jeden von diesen Leibern, welche die Menschen bekommen, denken Sie sich mit dem, was aus dem Grabe auferstanden ist, ebenso zusammenhängend, wie die menschlichen Zellen des physischen Leibes mit der ursprünglichen Eizelle zusammenhängen. Das heißt, wir müssen uns das, was aus dem Grabe auferstanden ist, so in die Zahl schießend, so sich vermehrend denken, wie die Eizelle sich vermehrt, die dem physischen Leib zugrunde liegt. So kann sich in der Tat in der Entwickelung, die auf das Ereignis von Golgatha folgt, jeder Mensch etwas erwerben, was in ihm ist, und was geistig ebenso von dem abstammt, was aus dem Grabe auferstanden ist, wie — um mit Paulus zu sprechen — der gewöhnliche Leib, der zerfällt, von Adam abstammt.
Cite:
GA 131/1911-10-11/p023 · edition original