Zehnter Vortrag
Zunächst soll bemerkt werden, daß dieser esoterische Weg zu dem Christus Jesus im Grunde genommen auch der Weg der Evangelisten war, derjenigen, welche die Evangelien geschrieben haben. Denn trotzdem der Schreiber des Johannes-Evangeliums einen großen Teil dessen, was in seinem Evangelium dargestellt ist — wie Sie aus der Darstellung des Johannes-Evangeliums in dem entsprechenden Zyklus ersehen können — selbst gesehen hat, so müssen wir doch auch von ihm sagen, daß es nicht die Hauptsache für ihn war, bloß dasjenige darzustellen, woran er sich erinnerte; denn das gab eigentlich nur jene kleinen, genauen Züge, von denen wir ja gerade, wie wir gesehen haben, im Johannes-Evangelium überrascht sind. Aber die großen, die majestätisch überragenden Züge des Erlöserwerkes, des Mysteriums von Golgatha, hat auch dieser Evangelienschreiber seinem hellsehenden Bewußtsein entnommen. Daher können wir sagen: ebenso wie die Evangelien eigentlich aufgefrischte Einweihungsritualien sind — das geht auch aus dem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» hervor — so sind sie auf der anderen Seite gerade deshalb so geworden, weil die Evangelienschreiber auf ihrem esoterischen Wege sich aus der übersinnlichen Welt ein Bild dessen verschaffen konnten, was in Palästina vorgegangen ist und zu dem Mysterium von Golgatha geführt hat. Wer nun, seit dem Mysterium von Golgatha bis in unsere 'Tage herein, zu einer übersinnlichen Erfahrung von dem Christus-Ereignis kommen wollte, mußte dasjenige auf sich wirken lassen, was Sie in den entsprechenden Vortragszyklen, die jetzt eigentlich schon zu dem Elementaren unserer geisteswissenschaftlichen Arbeit gehören, geschildert finden als die sieben Stufen unserer christlichen Einweihung: Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, mystischer Tod, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Heute wollen wir uns einmal klarmachen, was der Schüler erreichen kann, wenn er diese christliche Einweihung auf sich wirken läßt.
Cite:
GA 131/1911-10-14/p004 · edition original