Zehnter Vortrag
Wenn auf der einen Seite mit dem Mysterium von Golgatha etwas eingetreten ist, was der menschlichen Erdentwickelung den größten Anstoß gegeben hat, so fällt auf der anderen Seite dieses Mysterium von Golgatha doch wieder in jene Zeit der Menschheitsentwickelung hinein, in welcher sozusagen das menschliche Gemüt, die menschliche Seele am meisten verfinstert war. Es hat allerdings alte Zeiten der Menschheitsentwickelung gegeben, in welchen die Menschen ganz gewiß wissen konnten, weil sie eine Rückerinnerung hatten, daß die menschliche Individualität durch wiederholte Erdenleben geht. Im Evangelium erscheint uns nur, wenn wir es verstehen, wenn wir sie spüren, die Lehre von den wiederholten Erdenleben, weil die Menschen damals in der Zeit waren, wo sie am wenigsten imstande waren, diese Lehre zu verstehen. Dann folgten die Zeiten herauf bis in die Gegenwart. In den Zeiten, als die Menschen zunächst den Christus auf dem Wege suchten, wie es gestern angedeutet worden ist, mußte alles wie eine kindliche Vorbereitung geschehen. Daher konnte die Menschheit nicht bekannt gemacht werden mit dem, was sie nur hätte beirren können, wozu sie noch nicht reif war: mit den Erfahrungen über die wiederholten Erdenleben. So sehen wir das Christentum fast zwei Jahrtausende sich entwickeln, ohne daß hingewiesen werden konnte auf die Lehre von der Wiederverkörperung. Und wir haben in diesen Vorträgen dargestellt, wie anders als es im Buddhismus der Fall war, wie selbstverständlich aus dem abendländischen Bewußtsein heraus der Gedanke der wiederholten Erdenleben auftaucht. Zwar so, daß noch viele Mißverständnisse walten. Aber selbst wenn wir diese Idee bei Lessing oder bei dem Psychologen Droßbach nehmen, so werden wir doch gewahr, daß für das europäische Bewußtsein die Lehre von den wiederholten Erdenleben eine Angelegenheit der ganzen Menschheit ist, während im Buddhismus der Mensch sie nur als die innere Angelegenheit seines Lebens betrachtet, wie er von Leben zu Leben geht und sich befreien kann von dem Durst nach Dasein. Während der Orientale das, was ihm als Lehre von den wiederholten Erdenleben gegeben wird, zu einer Wahrheit der individuellen Erlösung macht, war für Lessing zum Beispiel das Wesentliche: Wie kann die ganze Menschheit vorwärts kommen? Und er sagte sich: Innerhalb der zeitlichen Vorwärtsentwickelung der Menschheit müssen wir aufeinanderfolgende Zeiträume unterscheiden. In jeder einzelnen Epoche wird der Menschheit Neues gegeben. Wenn wir die Geschichte verfolgen, sehen wir, wie immer neue Kulturtaten eintreten in den Gang der Menschheitsentwickelung. Wie könnte man von einer Entwickelung der ganzen Menschheit sprechen, sagt Lessing, wenn eine Seele nur in der einen oder nur in der anderen dieser Epochen leben könnte? Woher könnten aber die Früchte der Kultur kommen, wenn nicht die Menschen wiedergeboren würden und das, was sie in der einen Epoche gelernt haben, hinübertragen würden in die nächste, dann wiederum in die folgende und so fort?
Cite:
GA 131/1911-10-14/p015 · edition original