Erster Vortrag
Ich habe schon öfter darauf aufmerksam gemacht, daß sich nach und nach im 19. Jahrhundert in der deutschen Psychologie der schöne Ausdruck herausgebildet hat «Seelenlehre ohne Seele». Namentlich war tonangebend für diese «Seelenlehre ohne Seele» -— obwohl das Wort nicht von ihr geprägt worden ist — die heute weltberühmte Schule Wundts, die ja nicht bloß in den deutschen Landen ausschlaggebend ist, sondern die überall, wo von Psychologie geredet wird, mit großen Ehren genannt wird. «Seelenlehre ohne Seele» könnte man so ausdrükken: eine Beschreibung der seelischen Eigenschaften, ohne auf ein selbständiges Seelenwesen Rücksicht zu nehmen, in dem sich alle Eigenschaften der Seele erst sammeln in einer Art von Brennpunkt, sich versammeln im Ich. — Das ist der größte Unsinn, der überhaupt in die Seelenlehre hineingeschleudert worden ist, man kann sich einen größeren Unsinn gar nicht denken; dennoch steht die heutige Psychologie ganz unter dem Eindruck dieses Unsinns. Und diese «Seelenlehre ohne Seele» ist heute in der ganzen Welt berühmt. Künftige Kulturgeschichtsschreiber unserer Zeit werden viel zu tun haben, wenn sie es unseren Nachkommen einigermaßen plausibel machen wollen, wie so etwas überhaupt möglich war, daß im 19. Jahrhundert und weit ins 20. hinein so etwas als die größte Leistung auf psychologischem Gebiete angestaunt worden ist. Das alles soll nur gesagt werden, um anzudeuten, wie unklar sich gerade die offizielle Psychologie über das Ich ist, den Mittelpunkt des menschlichen Wesens.
Cite:
GA 132/1911-10-31/p008 · edition original