Erster Vortrag
Beide Empfindungen, wie sie jetzt charakterisiert worden sind, kultivieren ja die Menschen wenig bei sich selber. Daher findet man sogar in der Literatur wenig Beschreibungen von diesem Zustand. Es kennen diesen Zustand natürlich die, welche durch hellseherische Kräfte den Dingen auf den Grund zu gehen versuchten im Laufe der Zeiten. Aber in der äußeren Literatur, der geschriebenen oder gedruckten, finden sich nur wenig Angaben darüber, daß Menschen so etwas empfunden haben wie das Schaudern vor der unendlichen Leere oder gar die Überwindung dieses Schauderns. Um eine Art äußeren Einblick in die Sache zu haben, versuchte ich ein wenig nachzugehen in der jüngeren Literatur, wo so etwas auftreten könnte wie dieses Schaudern vor der unermeßlichen Leere in einem Menschen. Die Philosophen sind ja gewöhnlich ungeheuer klug, reden in ihren Begriffen abgeklärt und vermeiden es, von den großen, imponierenden Eindrücken zu sprechen. Dort findet man nicht so leicht etwas darüber. Nun will ich nicht davon sprechen, wo ich überall nichts gefunden habe. Aber einmal habe ich doch einen kleinen Anklang an diese Empfindungen gefunden, und zwar in dem Tagebuch des Hegelianers Karl Rosenkranz, wo er manchmal ganz intime Gefühle schildert, wie er sie gehabt hat beim Durchleben der Hegelschen Philosophie. Ich habe auf eine merkwürdige Stelle stoßen können, die bei ihm so herauskommt wie eine unschuldige Stelle, die er in sein Tagebuch fixierte. Karl Rosenkranz macht sich klar, daß die Hegelsche Philosophie ausgeht von dem «reinen Sein». Von diesem «reinen Sein» Hegels ist viel geschwätzt worden in der philosophischen Literatur des 19. Jahrhunderts, aber man muß sagen, es ist wenig verstanden worden. Man möchte fast sagen, in der Philosophie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts — das kann man natürlich nur im intimsten Kreise sagen! — versteht man von dem «reinen Sein» Hegels soviel wie der Ochs vom Sonntag, wenn er die ganze Woche hindurch Gras gefressen hat. Es ist ein durchgesiebter Begriff, dieses «reine Sein» Hegels nicht das Seiende, sondern das Sein -, es ist ein Begriff, der wahrhaftig noch nicht das ist, was ich jetzt charakterisiert habe als die schauervolle, Furcht einflößende Leere, aber es ist der ganze Raum im Hegelschen Sein tingiert mit der Eigenschaft, die nichts hat, was vom Menschen erlebt werden kann: die Unendlichkeit, mit Sein erfüllt. Und Karl Rosenkranz empfindet es einmal wie ein schauervolles Durchschütteltsein von der Kälte des Weltenraumes, der von nichts erfüllt ist, als vom leeren Sein.
Cite:
GA 132/1911-10-31/p011 · edition original