Dritter Vortrag
Sagen Sie nicht, daß der, welcher mit einem naiven Gemüte das «Abendmahl» anschaut, dies alles doch nicht weiß, was wir heute gesagt haben. Er braucht es nicht zu wissen. Denn darin besteht das geheimnisvoll Tiefe der Menschenseele, daß man gar nicht mit dem Verstande zu wissen braucht, was die Menschenseele fühlt. Weiß die Blume die Gesetze, nach denen sie wächst? Nein, aber sie wächst darum doch. Was braucht die Blume die Gesetze, was die Menschenseele einen Verstand, um zu fühlen das ganz unermeßlich Große, das vorhanden ist, wenn vor dem Auge sich ausbreitet ein Gott und sein Gegner, wenn das Höchste, das ausgedrückt werden kann, der Gegensatz von Unsterblichem und Vergänglichem, vor uns steht? Das braucht man nicht zu wissen, das geht mit magischer Kraft in die Seele über, wenn der Mensch vor diesem Bilde steht, das als Spiegel des Weltensinnes uns da hingemalt ist. Und der Künstler brauchte auch nicht in demselben Sinne ein Okkultist zu sein, um es hinzumalen. Aber in der Seele des Leonardo da Vinci waren die Kräfte, die gerade dieses Höchste, Bedeutungsvollste zum Ausdruck bringen konnten. Deshalb wirken die großen Kunstwerke so ungeheuer, weil sie tief verbunden sind mit dem Sinn der Weltenordnung. In früheren Zeiten waren die Künstler verbunden mit dem Sinn der Weltenordnung in dumpfem Bewußtsein, ohne daß sie es wußten. Aber die Kunst würde ersterben, würde keine Fortsetzung erhalten, wenn nicht in Zukunft die Geisteswissenschaft als Wissen von diesen Dingen der Kunst eine neue Grundlage gäbe.
Cite:
GA 132/1911-11-14/p027 · edition original