Sechster Vortrag

GA 133/1912-05-14/p011 ·1912-05-14 · original (original)
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Ein Zweites, das den Menschen loslöst aus der gewöhnlichen Welt, das ihn hier schon aus einer bloß sinnlichen in eine übersinnliche Anschauung bringt, ist das Mitleid oder Mitgefühl. Ich habe das auch schon hervorgehoben. Das Mitleid erscheint dem, der gedankenlos durch die Welt geht, nicht als ein großes Geheimnis oder ein besonderes Mysterium. Dem aber, der denkend durch die Welt geht, erscheint gerade das Mitgefühl als ein Wunder, als ein großes Mystetium. Wenn wir ein Wesen nur von außen anschauen, bietet es unseren Sinnen und unserem Verstande das dar, was von den Eindrücken herrührt, die von ihm kommen. Wenn wir aber Mitgefühl entwickeln, treten wir über die Sphäre der Eindrücke, die das Wesen auf uns macht, hinüber; dann leben wir mit, was in dem geheimsten Allerheiligsten in den Wesen vorgeht, leben uns hinüber von unserer Ich-Sphäre in die Sphäre des andern Wesens. Das heißt, wir kommen von uns los, wir gehen von dem, daß wir für gewöhnlich im physischen Leibe eingeschlossen sind, hinweg und kommen in das hinüber, was das andere Wesen in sich schließt und was in dieser Welt schon ein Übersinnliches ist, denn wir können nicht mit unseren Sinnen oder unserem Verstande in die Seelensphäre des andern Wesens hinüberkommen. Mitgefühl, daß es da ist in der Welt, ist ein Beweis dafür, daß wir schon innerhalb der Sinneswelt von uns loskommen, aus uns heraustreten und in andere Wesen hinübergehen können. Wir wissen, daß es ein sittlicher Defekt, ein sittlicher Mangel des Menschen ist, wenn er nicht Mitgefühl entwickeln kann. Wenn er sozusagen in dem Augenblick, wo er von sich loskommen sollte und in das andere Wesen hinübertreten sollte, um nicht seinen Schmerz, seine Freude, sondern den Schmerz und die Freude des andern Wesens mitzuerleben, wenn er in dem Moment zu fühlen aufhört, gleichsam ohnmächtig wird, dann ist das ein sittlicher Mangel. Der vollständige Erdenmensch muß durch das Mitgefühl mit andern Wesen über sein Erdenleben hinaustreten können, muß mitleben können, was nicht er ist, sondern was ein anderes Wesen ist.

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Cite: GA 133/1912-05-14/p011 · edition original