{"corpus":"steiner","locus":"GA 133/1912-06-18/p008","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Da hätten wir das erste Glied des Erdenmenschen: sein Bewußtsein. Wenn wir nun den Erdenmenschen ganz betrachten, was er ist, so müssen wir von dem, was man im gewöhnlichen Sinnensein Bewußtsein nennt, etwas ganz davon loslösen, was durchaus nicht in demselben Sinne zum Bewußtsein zu rechnen ist, wie das gewöhnliche Vorstellen, Fühlen und Wollen. Wir müssen dasjenige loslösen, was wir mit dem Ausdruck Gedächtnis zusammenfassen. Diejenigen Vorstellungen und Gefühle, die wir aus dem Schatze unseres Gedächtnisses, unserer Erinnerungen hervorholen, sind nicht denselben Gesetzen unterworfen wie das Bewußtsein, von dem soeben gesprochen worden ist. Denn dieses Bewußtsein braucht, damit es überhaupt bestehen kann, die Erhaltung des physischen Leibes in der Form, wie er einmal ist. Und Sie wissen aus mancherlei Darstellungen, die gegeben worden sind, daß in bezug auf seine Substanz der physische Leib sich fortwährend erneuert, daß nach sieben, acht Jahren ganz andere physische Substanzen in uns sind als vorher, daß also die physischen Substanzen ausgewechselt werden. Aber die Form bleibt. Und sie muß bleiben. Denn so wie sie ist, so ist sie Werkzeug für das gewöhnliche Bewußtsein. Und so lange können wir das gewöhnliche Bewußtsein für Denken, Fühlen und Wollen entfalten, als wir den physischen Leib in der entsprechenden Form haben. Aber das Gedächtnis, die Erinnerungen würden uns, wenn sie an den physischen Leib gebunden wären, nicht lange standhalten können. Das würden sie höchstens so lange können, als die einzelnen Substanzen des physischen Leibes uns standhalten können. Das heißt, wir würden uns höchstens sechs, sieben Jahre zurückerinnern können, wenn das Gedächtnis an den physischen Leib gebunden wäre. Das ist es aber nicht. Der physische Leib ist nicht Werkzeug des Gedächtnisses, sondern Werkzeug des Gedächtnisses ist für den Erdenmenschen der ätherische Leib, der Äther- oder Lebensleib. Und dieser ist es gerade, der im Erdenmenschen immer arbeitet. So daß immer — von unserem ersten Bewußtseinsaugenblicke an bis zu unserem Tode — dasjenige bleiben kann, was wir eben in unser Gedächtnis aufgenommen haben. Dieser Äther- oder Lebensleib ist es also, der unsere Erinnerungen, unsere Gedächtnisvorstellungen von einer Lebensepoche in die andere hinüberträgt. Für das irdische Bewußtsein bedienen wir uns also als eines Werkzeuges des Erdenleibes; für die Erinnerungen bedienen wir uns als eines Werkzeuges des ätherischen Leibes. Wir würden nicht durch die Zeit, die zwischen dem Tode und der neuen Geburt verläuft, die Erinnerungen an unser Leben über diese Zeit hinübertragen können, wenn nicht etwas ganz Bestimmtes eintreten würde: wenn wir nicht eine Zeitlang, nachdem wir mit dem Tode den physischen Leib verlassen haben, im Äther- oder Lebensleibe bleiben würden. Das ist eben die Zeit — ich habe es oft beschrieben -, in welcher das verflossene Leben nach unserem Tode vor uns liegt wie ein großes Panorama, wie ein großes Tableau. Wir haben oft von diesem Lebenstableau gesprochen. Dasselbe kann uns nur dadurch erscheinen, daß wir unsern Ätherleib noch eine Zeitlang nach dem Tode haben. Denn dieser Ätherleib ist durchaus eben das Werkzeug für die Erinnerungen. Würden wir ihn sogleich im Tode oder nach dem Tode verlieren, so würden wir dieses Tableau nicht haben können. Wir müssen uns dieses Ätherleibes oder Lebensleibes als eines Werkzeuges bedienen können, und es geschieht etwas, während wir dieses Lebenstableau haben. Während wir dieses Lebenstableau nach unserem Tode in unserer Seele haben, wird dieses ganze Lebenstableau eingetragen, eingraviert gleichsam — wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf — in den allgemeinen, den Raum durchdringenden Lebensäther. Nun ist es da drinnen. Was wir erst einige Tage hindurch hielten, ist nun gleichsam aufgezeichnet in den allgemeinen Lebensäther, in dem wir leben, in dem wir immer sind. Dadurch, daß es da aufgezeichnet ist, daß es da drinnen ist, ist es für unser weiteres Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt eben vorhanden. Und wir nehmen einen Extrakt aus unserem Ätherleibe mit, das wissen wit, damit wir immer eine Verbindung herstellen können zwischen uns selbst und diesem in den allgemeinen Lebensäther eingetragenen Lebenstableau. Das ist gleichsam unser fortlaufendes Organ, wodurch wir die Erinnerungen an unser letztes Leben immer haben können.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Achter Vortrag","site_heading":null,"date":"1912-06-18","location":null,"word_count":660,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/133/1912-06-18/p008","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/133/1912-06-18/p008"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/133/1912-06-18/p008"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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