Zweiter Vortrag
Nun brauchen Sie nicht etwa zu denken, daß man zu dieser Versöhnung mit seinem Karma gleich eine ausgesprochen umfassende Theorie vom Karma braucht. Das, was man in diesem Zusammenhange «Versöhnung mit seinem Karma» nennt, ist vielmehr eine besondere Art von Kultur, von Erziehung, von Selbsterziehung der Empfindungen und Gefühle. Wenn Sie in Betracht ziehen, daß der Mensch einmal beginnt mit seiner okkulten Entwickelung, so werden Sie zugeben, daß er vor dem Zeitpunkte, in dem er mit seiner Entwickelung beginnt, nach Art der äußeren Menschen gelebt hat, so gelebt hat, wie eben der Mensch unter Menschen lebt; das heißt, er hat diese oder jene Position im Leben eingenommen, diese oder jene Gedanken zu den seinigen machen müssen, weil ihm diese Gedanken die Möglichkeiten gaben, die äußeren Handlungen, die er für seinen Beruf oder für seine sonstige Position im Leben zu erfüllen hatte, wirklich zu erfüllen. Er hat ferner gewisse Pflichten, einen Pflichtenkreis anerkannt, den ihm die Sitte oder seine Gemeinschaft gegeben hat. Von vornherein kann angenommen werden, daß ein Mensch, der nicht gerade in Einklang sich befunden hatte mit dem, was die Mitwelt von ihm verlangte, der also nicht ein pflichtgetreuer Mensch war, nicht den Drang haben wird, sich okkult zu entwickeln. In der Regel waren die Menschen, die aufgerufen werden konnten zur okkulten Entwickelung, solche, welche wirkliche Geschicklichkeiten hatten für ihre Lebensposition und welche auch geneigt waren, sich dem durch Sitte und Gesellschaftsordnung vorgeschriebenen Pflichtenkreise anzupassen. In dem aber, was im Menschen ist als seine Fähigkeiten, seine Geschicklichkeiten in seiner Lebensposition, in dem, was um den Menschen ist als der von ihm anerkannte Pflichtenkreis, liegt eigentlich das positive Karma, in das der Mensch hineingestellt worden ist. Darin drückt sich sein Karma aus.
Cite:
GA 137/1912-06-04/p008 · edition original