Sechster Vortrag
Wenn man von einer Kunst der Natur sprechen wollte, die in einer wunderbaren Weise vereinigt wird mit alledem, was der Mensch als den Tempel Gottes voraussetzt, so könnte man diese Kunst der Natur wohl durch nichts anderes so veranschaulichen, als wenn man gerade auf den Wunderbau der menschlichen Arme und Hände eingehen würde. Nehmen Sie die entsprechenden Organe bei anderen Wesen, bei den dem Menschen verwandten Tieren. Sehen Sie einmal zum Vergleich, sagen wir, um weit von dem Menschen abzugehen, die vorderen Gliedmaßen der Vögel, die Flügel an. Die Flügel sind mit dem zu vergleichen, was ich beim Menschen entsprechend mit den Händen bezeichnet habe. Der Vogel könnte nicht fliegen ohne die Flügel. Sie sind ihm Nützlichkeitsorgane für sein Dasein, sie sind im unendlichen Sinne Nützlichkeitsorgane. Die menschlichen Hände sind in diesem Sinne keine Nützlichkeitsorgane. Wir können sie zwar ausbilden zu Nützlichkeitsorganen, aber es bedarf eben dann der Ausbildung. Wir können mit denselben nicht fliegen und nicht schwimmen, und sie sind sogar zum Klettern ungeschickt, wozu die vorderen Gliedmaßen der mit dem Menschen nächstverwandten Tiere, der Affen, sogar sehr geschickt sind. Man möchte fast sagen: Diese Hände sind, wenn man die Sache so betrachtet, daß man bloß den Standpunkt der Nützlichkeit ins Auge faßt, für alle äußeren Nützlichkeitsbetätigungen eigentlich recht unzweckmäßig eingerichtet, höchst unzweckmäßig für alles Äußere. - Wenn wir aber beachten, was der Mensch mit seinen Händen hat machen müssen im Laufe der Erdenentwickelung, so müssen wir sagen, sie erweisen sich als etwas Kostbares, wenn es sich darum handelt, das, was der Geist erringen kann, zum äußeren Ausdruck zu bringen,
Cite:
GA 137/1912-06-08/p025 · edition original