Achter Vortrag
Das, wodurch Luzifer dem Menschen zeigt, was der Mensch geworden wäre, wenn er, Luzifer, allein hätte hantieren können, hat zunächst wiederum etwas außerordentlich Verführerisches, denn der Mensch wird von Luzifer etwa so darauf hingewiesen, daß ihm Luzifer sagt: Nun sieh dich einmal um, sieh einmal zu, was von dir zurückgeblieben ist, nachdem die menschliche Gestalt zerbrochen ist. — Wenn die menschliche Gestalt zerbrochen ist, wenn sich der Mensch dann sozusagen geistig umdreht und sich sozusagen geistig gehäutet sieht, wenn die Gestalt von ihm weggenommen ist, dann sieht der Mensch zweierlei. Erstens, daß das, was zurückgeblieben ist, in der Tat taugt für die übersinnliche Welt, daß es in gewisser Beziehung geistig verwandt ist mit dem Übersinnlichen, daß es in gewisser Beziehung unsterblich ist, während der Leib sterblich ist. Das ist ein starkes Argument, ein starker Verführungsgrund, den Luzifer in der Hand hat. Zunächst wird der Mensch hingewiesen auf das Ebenbild Gottes, das er hat, das aber zerbrechlich und an die Erde gebunden ist. Durch Lu-zifer wird ihm dasjenige gewiesen, was in ihm unsterblich ist. Dies ist die Versuchung, der verführerische Eindruck. Aber wenn sich der Mensch das betrachtet, was unsterblich ist, wenn der Mensch das ins Auge faßt, was die äußere Gestalt wegschafft, nachdem sie in ihre drei Teile zerbrochen ist, aus welchen wir sie zusammengesetzt gefunden haben, da sieht der Mensch sich selbst, sieht, auf wessen Kosten Luzifer den Menschen unsterblich gemacht hat. Da ist der Mensch kein Mensch mehr, wenn er auf sich selbst zurückblickt, da ist der Mensch wirklich kein Mensch mehr. Was der Mensch ist als oberer Mensch, wie wir ihn vom dreigliedrigen Menschen aus charakterisiert haben, das hat die okkultistische Symbolik immer in gewisse Bilder gebracht. Diese Bilder haben durch die Zeiten hindurch den Menschen etwas sagen sollen. Die wenigsten Menschen haben diese bedeutungsvollen Imaginationen und Bilder verstanden. Der obere Mensch, zu dem der Mensch blicken kann, wenn er sich selber besieht, ist verschieden, nicht für alle Menschen gleich. Es ist auch nur ein mehr oder weniger wandelbares Bild, was ihn da anspricht. Aber es gibt das Bild eine ungefähre Vorstellung von dem, was der Mensch als Impression erlebt. Der Mensch hat kein menschliches Antlitz mehr, er ist mehr stier- oder löwenähnlich. Es stellt sich so heraus, obzwar es nicht durchaus zutrifft — es sieht sich manchmal grotesk an, was in der übersinnlichen Welt erlebt wird -, daß die Frau, wenn sie so zurückblickt, mehr als Löwe, der Mann mehr als Stier sich empfindet. Das muß eben überstanden werden, denn es ist einmal so. In Verbindung mit diesen beiden Bildern, die ineinandergehen, da der Mann nicht ganz löwenentblößt, die Frau nicht ganz stierentblößt ist, denn sie verschwimmen ineinander, ist gleichsam ineinanderfließend das Bild eines Vogels, das man immer «Adler» genannt hat und das dazugehört.
Cite:
GA 137/1912-06-10/p015 · edition original