Achter Vortrag
Vergleichen Sie alles, was Ihnen erzählt wird über das Leben von Initiierten mit dem, was in den Evangelien erzählt wird, dann werden Sie, wie ich es dargestellt habe in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», vielleicht finden, daß die Evangelienschreiber einfach die alten Ritualien zu nehmen brauchten, nach denen man eingeweiht hat, um das Christus-Leben zu schildern. Damit erzählten sie dann auch das äußere Leben des Christus Jesus. Aber sie konnten niemals sagen, daß er das wirklich durchgemacht hat. Nehmen Sie eine prägnante Szene wie die Verklärung oder auch das Gebet am Olberg, das sind alles Dinge, die, wenn man sie von einem anderen Initiierten erzählen wollte, in anderer Darstellung gegeben werden müßten. Man müßte dann nicht nur sagen, er ging hin nach dem Olberge, wo ihm die blutigen Schweißtropfen kamen, sondern man müßte auch erzählen, was er dort erfahren hat, wie er verwandelt worden ist am Olberge. Der Christus wurde aber nicht eigentlich verwandelt. Er tritt vielmehr seinem Gotte am Olberge als ein solcher entgegen, von dem man nicht behaupten kann, daß er noch etwas zu lernen hat. Und für ihn selbst war es auch keine Erleuchtung, was er bei der Verklärung durchgemacht hat. Für die anderen, für die Begleiter war es eine Erleuchtung gewesen, für ihn nicht. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit. Er konnte dabei nichts mehr lernen.
Cite:
GA 137/1912-06-10/p031 · edition original