Neunter Vortrag
Die zweite Bewegung innerer Art ist wiederum eine solche, die der Mensch im späteren Leben zwar noch immerzu gebraucht, die er aber sich doch erst als Kind aneignen muß. Es ist die Sprechbewegung, jene Bewegung des inneren Lebens, die ausgeführt werden muß, damit das Wort zustande kommt. Sie müssen sich vorstellen, daß eine Summe innerer Bewegungen notwendig ist, damit das Wort zum Ausdruck gebracht werden kann. Vorher muß der Mensch allerdings noch eine andere Bewegung lernen, die sich mehr verbirgt. Eigentlich lernt er beide Bewegungen gewissermaßen zusammen; im Grunde genommen oftmals die Sprechbewegung früher als die andere Bewegung. Darüber können Sie Genaueres finden in meinem Schriftchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Jedenfalls aber sind die zwei Bewegungen vorhanden, die der Mensch lernt und die er ausführen muß als innere Bewegungen sein ganzes Leben hindurch. Der Sprechbewegung ist sich der Mensch sogar bewußt. Das weiß jeder Mensch. Daß aber auch, wenn man denkt, fortwährend eine feine Bewegung im Hirn stattfindet, weiß nicht jeder. Um darauf zu kommen, gehört eine feinere Beobachtung. Nicht soll Materialismus hier gepredigt werden, wenn ich von «Bewegung» spreche. Die Bewegung im Hirn ist nämlich schon vorhanden, nur ist sie Wirkung und nicht Ursache. Wir haben es also zu tun mit der Denkbewegung und mit der Sprechbewegung als inneren Bewegungen.
Cite:
GA 137/1912-06-11/p023 · edition original