Fünfter Vortrag

GA 138/1912-08-29/p011 ·1912-08-29 · original (original)
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Ich habe einmal folgendes versucht, und ich möchte das als eine Episode hier einschalten, nicht um Ihnen etwas Besonderes zu sagen, sondern nur, um mich erklärlich zu machen. Es ist mir nämlich vor Jahren schon aufgefallen, daß gewisse mehr oder weniger übersinnliche Zustände in den großen Weltdichtungen wie in einem Abglanz einem entgegentreten. Ich meine nämlich, wenn der Hellseher sich klarmacht, was er in gewissen übersinnlichen Erlebnissen als Grundstimmung der Seele hat, und dann die Weltliteratur durchgeht, so findet er bei den wirklich großen Dichtungen da oder dort solche Stimmungen, die gewisse Kapitel oder Abschnitte von diesen Dichtungen durchziehen. Das brauchen nicht etwa okkulte Erlebnisse der Dichter zu sein. Aber der Hellseher kann sich sagen, wenn er das, was er als Seelenstimmung erlebt hat, wie in einem Nachklange in der Sinneswelt wiedererleben will, so kann er zu diesen oder jenen großen Dichtungen gehen und findet dort etwas wie ein Schattenbild in der betreffenden Dichtung. Wenn der Hellseher mit seiner Erfahrung zum Beispiel Dante liest, so hat er zuweilen dieses Gefühl, daß ein solcher Abglanz, Schatten, die man eigentlich richtig in ihrem ursprünglichen Zustande nur hellseherisch erleben kann, in der Dichtung sind. Nun versuchte ich also einmal, gewisse Zustände, die geschildert werden können, in den Dichtungen aufzusuchen, um eine Art Konkordanz zu bekommen zwischen Erlebnissen in den höheren Welten und dem, was wie im Abglanz in der physischen Welt vorhanden ist. Und zwar fragte ich mich: Könnte es nicht etwa sein, daß jene eigentümliche Seelenstimmung, welche über die Seele ausgegossen ist, wenn ein vollbewußtes Schlafen stattfindet - also ein Sein in den höheren Welten, wie ich es jetzt beschrieben habe, aber in der Stimmung erfaßt -, sich in der Weltliteratur auch im Nachklange in der Stimmung findet? - So direkt hat sich allerdings nichts ergeben. Aber bei einer anderen Stellung der Frage ergab sich etwas. Man kann sich nämlich auch fragen, weil die Erlebnisse es gestatten: Wie würde ein anderes Wesen, das nicht Mensch ist, also zum Beispiel irgendein anderes Wesen der höheren Hierarchien, diese Seelenstimmung empfinden, das Drinnensein in den höheren Welten? Oder genauer gesprochen: Der Mensch fühlt sich in dieser Welt drinnen und schaut Wesen der anderen Hierarchien. Wie man nun in der Sinneswelt fragen kann: Was empfindet ein anderer Mensch gegenüber einer Sache, die man selbst empfindet? - so kann man auch gegenüber einem Wesen der höheren Hierarchien diese Frage aufwerfen und hat die Möglichkeit, sich eine Vorstellung zu bilden, was ein anderes Wesen erlebt. Da kann man sich dann gegenüber dem Leben in den höheren Welten, wie es beim wirklich bewußten Schlafe möglich sein würde, eine bestimmte Art von höherem Erleben vorstellen, als es beim Menschen selber der Fall ist, aber von solchem Erleben, das doch allen möglichen Anteil hat an der Menschenseele. Man kann also an ein Wesen denken, das in eine höhere Hierarchienreihe hineingehört, als es der Mensch auf der Erde ist, das aber doch auf höhere Art alles Menschliche noch empfinden kann. Wenn man die Frage so stellt, wenn man also nicht auf den gewöhnlichen Menschen reflektiert, sondern auf einen typischen Menschen, und sich die Stimmung vorstellt, so bekommt man die Möglichkeit, etwas in der Weltliteratur zu finden, von dem man sich immerhin den Begriff bilden kann: es ist ausgegossen eine solche Stimmung im Nachklange, von der man eigentlich nur eine richtige Vorstellung bekommt im ursprünglichen Zustande, wenn man sich in die jetzt geschilderte, charakterisierte Welt hineinversetzt. Nun findet sich allerdings nichts innerhalb der europäischen Literatur, von dem man sagen könnte: Es ist die Seelenstimmung darin fühlbar von dem, was ausgegossen ist über eine Seele, die sich in allem fühlt in der charakterisierten Welt. Aber es ist wunderbar, wie man anfängt in einer neuen Weise zu begreifen und sich aufs neue bewundernd entzückt zu fühlen, wenn man diese Stimmung auf sich wirken läßt im Nachklange, ausgehend von den Reden des Krishna in der «Bhagavad Gita». Ein ganz neues Licht gießt sich aus über diese Zeilen der Bhagavad Gita, wenn man sich vergegenwärtigt, es wäre das nicht in den Worten, sondern in der ausgegossenen Stimmung im Nachklange enthalten, was ich eben jetzt geschildert habe. Ich wollte das nur wie eine Illustration des Hellsehens schildern und es so schildern, daß Sie nun diese Dichtung in die Hand nehmen können und versuchen können die Stimmung aufzufinden, die darin ausgegossen ist, und von da ausgehend ein Gefühl sich erwerben, was das entsprechende Erlebnis des Hellsehers ist, wenn er aus dem Tagesleben bewußt hinüberversetzt ist in die entsprechenden Welten, oder wenn Bewußtheit über den Schlaf sich ausdehnt.

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