{"corpus":"steiner","locus":"GA 138/1912-08-29/p013","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Man fühlt sich, soweit man überhaupt von einer Welt etwas fühlt, in diese Welt ergossen. Man fühlt eigentlich nirgends etwas Äufßerliches zunächst als nur an dem einen Punkt der Welt, wo man vorher drinnen war. Das fühlt man als das einzige Äußerliche. Was man verbrochen hat, was man Gutes getan hat, das findet man in den einen Punkt der Welt zusammengedrängt. Das ist äußerlich. Im übrigen fühlt man sich mit dem, was man selbst angerichtet hat in der Welt, über die ganze Welt ausgegossen. Namentlich hat man das Gefühl, daß es ein Unding ist, dieses Verhältnis zur Welt so zu erleben, daß man gewisse Worte darauf anwendet, die natürlich sind im Sinnensein. So hören zum Beispiel die Worte «vorher» und «nachher» auf, einen Sinn zu haben. Denn mit dem Einschlafen ist es ja so, daß? man nicht empfindet: jetzt ist das vorher, und das Aufwachen wird nachher sein, sondern man empfindet gewisse Erlebnisse, die mit dem Einschlafen eintreten, die dann weiter geschehen. Wenn man aber eine gewisse Summe von Erlebnissen durchlebt hat, steht man in einer gewissen Beziehung wieder an demselben Punkt, aber man steht nicht so an demselben Punkt, wie man beim Einschlafen gestanden hat. Wenn man von vorher und nachher spricht, so ist das Vorher, wenn man es graphisch bezeichnet, in A und das Nachher in B. Man hat vielmehr das Gefühl: eingeschlafen bin ich. Dann wäre schon nicht richtig gebraucht. Es haben sich eben Erlebnisse abgespielt. Vorher und nachher verliert den Sinn dabei. Und wenn ich jetzt das Wort anwende - aber es ist nicht richtig! -, nach einer gewissen Zeit steht man da, wo man vorher gestanden hat, so muß man sich denken, man steht sich gleichsam gegenüber, wie wenn man aus seinem Leibe hinausgegangen, herumgegangen wäre und hinschauen würde auf sich selber. Man steht also ungefähr an demselben Punkt, wo man gestanden hat beim Herausgehen, aber man steht sich gegenüber. Man hat die Richtung geändert. Dann - wieder nur vergleichsweise gebraucht - gehen die Ereignisse weiter, und es geht so weiter, wie wenn man wieder zum Leibe zurückgeht und wieder dann drinnen ist. Man erlebt nicht ein Vorher und Nachher, sondern man kann es nicht anders bezeichnen als eine Kreislaufbewegung, bei welcher Anfang, Mitte und Ende eigentlich nicht anders gebraucht werden können, als wenn man sie zusammen gebraucht. Wie beim Kreise, wenn er fertig gezogen ist, von jedem Punkte gesagt werden muß, da fängt er an, und - wenn man herumgegangen ist - da hört er wieder auf - aber von jedem Punkte kann man das sagen -, so ist es bei diesem Erleben. Man hat nicht das Gefühl, daß man eine Zeit durchlebt, sondern eine Kreislaufbewegung durchmacht, einen Zyklus beschreibt - und verliert bei diesem Erleben vollständig das Gefühl für die Zeit, die man gewöhnlich im Sinnensein hat. Man hat nur das Gefühl: Du bist in der Welt, und die Welt hat zu ihrem Grundcharakter das Zyklische, das Kreishafte. Und ein Wesen, welches nie die Erde betreten haben würde, welches nie im Sinnensein gewesen wäre, sondern nur in dieser Welt immer gelebt hätte, würde nie auf den Gedanken kommen, die Welt habe einmal einen Anfang genommen und könne gegen ein Ende zulaufen, sondern es würde sich ihm immer nur eine in sich geschlossene Kreiswelt darstellen. Ein solches Wesen hätte gar keine Veranlassung zu sagen, es erstrebe die Ewigkeit, aus dem einfachen Grunde, weil überall alles ewig ist, weil nirgends etwas ist, über das man hinaussehen könnte als über etwas Zeitliches in etwas Ewiges hinein.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Fünfter Vortrag","site_heading":null,"date":"1912-08-29","location":null,"word_count":580,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/138/1912-08-29/p013","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/138/1912-08-29/p013"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/138/1912-08-29/p013","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}