Fünfter Vortrag
Ich habe gesagt, es ist gut, wenn der Mensch bei seinem Aufrücken in die Welt, die hier gemeint ist, zunächst mehr moralische Erinnerungen fühlt und nicht so sehr seine äußere physische Gestalt. Der Mensch soll nach und nach erst - mit den fortgesetzten Übungen für die ersten Schritte der Initiation - auch so hellseherisch werden, daß das Erinnerungsbild an die äußere physische Gestalt auftritt. Mit diesem Auftreten des Erinnerungsbildes der eigenen physischen Gestalt ist aber noch etwas anderes verbunden: daß eigentlich erst von da ab der Mensch - und so ist es gut - nicht nur im allgemeinen sein Seelenleben als Erinnerung fühlt, nicht nur im allgemeinen seine guten und schlechten Taten, seine moralischen und dummen Taten, sondern sein ganzes Ich fühlt. Sein ganzes Selbst fühlt er in dem Moment als Erinnerung, wo er auf seinen Leib als Form zurückschauen kann. Da fühlt er dann sein Wesen wie gespalten. Er schaut auf einen Teil, den er beim Hüter der Schwelle abgelegt hat, und schaut auf das, was er sein Ich nennt in der Sinneswelt. Jetzt ist man, wenn man auf sein Ich zurückblickt, auch in bezug auf sein Ich gespalten und sagt sich mit aller Ruhe: Was du dein Ich früher genannt hast, daran erinnerst du dich jetzt nur; jetzt lebst du in einem übergeordneten Ich, und das verhält sich so zu dem früheren Ich, wie du dich als Denker verhältst in bezug auf die Erinnerungen zum Leben im Sinnensein. Auf das also, was der Mensch eigentlich ist als Erdenmensch, auf seinen Ich-Menschen sieht man erst auf dieser Stufe herunter. Man ist aber da zugleich entrückt in eine noch höhere Welt, die man das höhere Geisterland oder - wenn man will - die höhere Mentalwelt nennen kann, eine etwas von den anderen verschiedene. Da ist man darinnen, wenn man das Ich zwiegespalten fühlt und das gewöhnliche Ich nur noch als Erinnerung fühlt. Da hat man erst die Möglichkeit, in richtiger Weise den Menschen auf der Erde zu beurteilen. Wenn man von dort zurückschaut, fängt man an zu wissen, was der Mensch seiner tiefsten Wesenheit nach ist. Da bekommt man auch die Möglichkeit, ein erlebtes Urteil zu gewinnen über den Verlauf der Geschichte. Da gliedert sich einem die erlebte Menschheitsentwickelung in den Fortgang der Seelen als Ich-Wesen, da ragen heraus aus dem gewöhnlichen Fortgange die Wesen, welche die führenden im Fortgang der Menschheit sind. Da ist es so, wie ich es im zweiten Vortrage charakterisiert habe, daß man wirklich die Impulse erlebt, die fortwährend in die Evolution der Menschheit hineinfließen durch die Initiierten, die überall aus dem Sinnensein in das Geistessein zu gehen haben, damit sie ihre Impulse geben können. Mit dem Punkt, wo man den Menschen als Ich-Wesen erlebt, erlebt man auch erst die wahre Einsicht in das Menschenwesen als solches. Nur eine Ausnahme gibt es dabei.
Cite:
GA 138/1912-08-29/p022 · edition original