Sechster Vortrag
Unsere Zeit hat eine gewisse Eigentümlichkeit, die zusammenhängt mit der ganzen Eigenart des Weltenzyklus, in dem wir leben; unsere Zeit hat etwas Lehrhaftes, etwas Thheoretisierendes. Und wie sehr man sich auch bemüht, da oder dort den Hang zum Theoretisieren abzulegen, er sitzt gewissermaßen doch dem Menschen der Gegenwart in den Seelengründen. Das bewirkt, daß diese Menschen der Gegenwart, wenn es sich um den Aufstieg zu den höheren Welten handelt, zunächst vor allen Dingen erwarten, daß ihnen unter allen Umständen gesagt werde, wie sich jeder einzelne verhalten solle, wenn die Seele in die höheren Welten hinaufgelangen will. Gegenüber dem wirklichen Erleben des Übersinnlichen stellt sich aber doch etwas ein, was man in gewisser Beziehung mißlich nennen möchte in all denjenigen Darstellungen, welche - man möchte sagen - einen normalen Weg, eine normale Marschroute angeben, um in die höheren Welten hinaufzueilen. Denn das Leben ist etwas Kompliziertes. Und jede Seele in irgendeiner Lebenslage, in der sie sich befindet - und jedesmal muß man von einer bestimmten Lebenslage ausgehen, wenn man den Aufstieg in die höheren Welten unternehmen will -, steht in einem bestimmten Karma drinnen, hat einen bestimmten Ausgangspunkt. Keine Seele ist in derselben Lage wie die andere. Daher ist im Grunde genommen auch der Weg in die übersinnlichen Welten hinauf für jede Seele ein individueller, ein solcher, welcher sich je nach der betreffenden Seele beim Ausgangspunkt richtet. Man kann nicht sagen, wenn man im richtigen Sinne sprechen will: so muß nach einem normalen Prinzip unmittelbar jede Seele den Aufstieg in die höheren Welten, die Initiation, durchmachen. Daher das Bedürfnis, nicht nur in kurzen Broschüren oder dergleichen - was ja leichter wäre - Anweisungen zu geben: so und so soll es die Seele machen, um den Glauben zu erwecken, man könne, wenn man solche Regeln befolgt, unter allen Umständen in der gleichen Art wie jede andere Seele in die höheren Welten hinaufsteigen. Daher das Mißliche solcher Dinge. Deshalb namentlich habe ich versucht, in dem Büchelchen «Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen» etwas zu zeigen, was individuell ist und doch einer jeden Seele nützlich sein kann. Aber deshalb ergab sich auch die Notwendigkeit, die Mannigfaltigkeit und die Variabilität des Initiationsweges zu zeigen. Und ohne selbst etwa irgendwie Erklärungen liefern zu wollen über das, was getan worden ist, möchte ich Sie nur darauf hinweisen, wie sich die Notwendigkeiten zu den drei Gestalten ergeben, welche in den drei Mysterienversuchen - «Die Pforte der Einweihung, «Die Prüfung der Seele» und «Der Hüter der Schwelle» vor Ihre Seele hintreten als Johannes Thomasius, Capesius und Strader. Sie zeigen Ihnen den Weg der ersten Schritte zur Initiation gleichsam in drei verschiedenen Aspekten. Man kann von keinem dieser Wege sagen, daß er besser oder schlechter sei als der Weg des anderen; sondern man muß von jedem dieser Wege sagen, daß er sich ergeben mußte je nach dem Karma der betreffenden Individualitäten. Man kann nur sagen: eine Seele, welche so ist wie Johannes Thomasius, oder welche so ist wie Capesius, muß eben solche Wege gehen, wie sie versucht worden sind, nicht in Theorien, nicht lehrhaft, sondern in Gestalten zu zeigen. Daher das Bedürfnis, solche Gestalten zu zeigen. Und immer notwendiger und notwendiger wird es werden, hinwegzuführen von dem Glauben, daß man mit ein paar Regeln in diesen Dingen auskomme, immer notwendiger wird es sein, gerade auf spirituellem Gebiete von dem Lehrhaften auf das Gestaltete hinzuweisen. Weil die Beziehungen der Welten so mannigfaltige sind, deshalb müssen auch die Wege der einzelnen Individualitäiten so mannigfaltige sein. Wenn man aber erst dazu kommt, gewisse Individualitäten oder Wesenheiten der höheren Welten ernsthaft ins Auge zu fassen und deren Anteil an dem Menschen zu prüfen, dann muß man erst recht die Notwendigkeit fühlen, diese Gestalten lebendig zu zeigen, sie in ihrer Mannigfaltigkeit hinzustellen, nicht bloß Definitionen von ihnen zu geben.
Cite:
GA 138/1912-08-30/p004 · edition original