Sechster Vortrag
Zwischen zwei Pole ist die Menschenseele hereingestellt, die einfach der Abdruck und der Abglanz all der Welten sind, in denen die Menschenseele wirklich steht: daß sie sich in sich verhärtet, sich in ihrer Egoität völlig einspinnt und nur das will, was ihr selber dient, was sie selber befriedigt; und daß die Menschenseele aus ihren Tiefen heraus die Kräfte holt, die einstrahlen können in das ganze Leben der Menschheit? Wann tritt nun diese Egoität des Menschen zutage? - Gerade dann, wenn man denkt, wie notwendig es ist, daß ein jeder Mensch das Seinige, was sein Individuellstes ist, was das tiefste Eigentum seiner Egoität ist, den anderen Menschen darbringt. In allem aber, was der Mensch für den Menschen aus seiner Egoität heraus tun kann, lebt wieder Luzifer, der andere Pol des Luzifer. Und in dem, was der Mensch so unter dem Einfluß des Lichtträgers für die Menschheit leisten kann, liegt ein Abglanz dessen, was Luzifer in den höheren Welten wirklich ist, liegt ein Abglanz der schöpferischen Tätigkeit des Luzifer: das Unoffenbare zu dem Offenbaren zu machen. Kann man also sagen, Luzifer sei böse, oder kann man etwa sagen, Luzifer sei gut? - Man kann nur sagen: Wer behaupten will, Luzifer sei böse und müsse geflohen werden, der müßte auch sagen, das Feuer müsse geflohen werden, weil das Leben unter Umständen im Feuer ersterben muß. Man findet auf dem Wege zur Initiation, daß die Ausdrücke gut und böse gar nicht in dieser Art anwendbar sind, sobald man das Wesen der übersinnlichen Weltenordnung charakterisieren will. Das Feuer ist gut, wenn es unter guten Umständen wirkt; es ist schlecht, wenn es unter schlechten Umständen wirkt; an sich ist es nicht gut und nicht schlecht. So ist es mit Luzifer. Er übt einen guten Einfluß auf die Menschenseele aus, wenn er der Anreger wird zum Herausholen alles dessen aus der Menschenseele, was der Mensch als sein Individuelles hinopfern kann am Altare der Menschheitsevolution. Luzifer wird ein böses Wesen, das heißt, was er tut, wird böse, wenn er solche Impulse der Menschenseele gibt, daß diese nur alles zur Selbstbefriedigung in sich hineinführen will. Wie die Taten der Wesen wirken in der Welt, das muß man verfolgen, wenn man auf diese Wesenheiten hingewiesen worden ist. Die Wirkungen der übersinnlichen Wesenheiten kann man bezeichnen als gute und böse; die Wesenheiten selber nimmermehr.
Cite:
GA 138/1912-08-30/p011 · edition original