Sechster Vortrag

GA 138/1912-08-30/p014 ·1912-08-30 · original (original)
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Ahrimanisch - was ist denn das nun? Wenn wir Ahriman gegenübertreten in der übersinnlichen Welt, ist es anders mit seiner Eigenart als mit der Luzifers. Um zu Luzifer in der übersinnlichen Welt in ein Verhältnis zu kommen, braucht man sich im Grunde nur von allen Schlacken unrichtiger Egoität geläutert und gereinigt zu haben, von allen Egoismen im Sinnensein, dann wird einem Luzifer ein sehr guter Führer gerade in den übersinnlichen Welten sein, man wird ihm sozusagen nicht leicht verfallen können. Mit Ahriman steht die Sache anders. Ahriman hat in der Weltenevolution eine andere Aufgabe. Während Luzifer alles Unoffenbare offenbar werden läßt, hat Ahriman die Aufgabe, die sich für unsere Sinneswelt etwa so charakterisieren läßt, daß man sagt: wo unsere Sinneswelt ist, wo sie sichtbar werden kann, da ist auch Ahriman. Nur ist er die Sinneswelt unsichtbar, übersinnlich durchdringend. Wozu hilft Ahriman? Innerhalb der Sinneswelt hilft er gar sehr, er hilft jeder Seele. Er hilft jeder Seele nämlich dazu, daß möglichst viel aus der Sinneswelt, was sich dort abspielt und sich nur innerhalb der Sinneswelt abspielen kann, hinaufgetragen wird in die höheren Welten. Die Sinneswelt ist Ja zu etwas da, sie ist nicht bloß eine Maja. Sie ist dazu da, daß sich auf ihr Ereignisse abspielen, daß die Wesenheiten Erlebnisse haben. Was sich abspielt, was erlebt wird, das muß hinaufgetragen werden in die übersinnliche Welt. Und die Kraft, um das Wertvolle aus der Sinneswelt in die Ewigkeiten hinaufzutragen, ist die Kraft Ahrimans. Den Augenblick der Ewigkeit wieder zurückzugeben, das ist die Kraft Ahrimans. Hier aber macht sich dem Ahriman gegenüber etwas ganz anderes geltend für die einzelne Menschenseele. Was die Menschen zunächst im Sinnensein erleben, ist ihnen unendlich wertvoll, und ich glaube nicht, daß ich auf viel Widerspruch stoße, wenn ich sage: die Leidenschaft, der Hang, dasjenige, was man im Sinnensein erlebt, ja recht gut zu bewahren, womöglich viel davon für die Ewigkeiten aufzusparen, ist im allgemeinen viel größer als der andere Hang, möglichst viel aus den unoffenbarten Welten, aus den geistigen Welten hinunterzutragen in die Sinneswelt. Der Mensch liebt das Sinnensein auf eine ganz natürliche, begreifliche Weise und möchte möglichst viel daraus in die geistige Welt hinauftragen. Gewisse Konfessionen sagen ihren Leuten, um sie möglichst zu beruhigen, daß man alles, was in der Sinneswelt ist, hübsch mitnehmen kann in das geistige Dasein. Sie sagen es wohl, weil sie unbewußt wissen, wie der Mensch liebt, was er im Sinnensein hat. Und danach trachtet des Ahriman Kraft, daß alles, was man da hat, auch mit einem hinaufsteige in die übersinnlichen Welten. Dieser Hang, dieser Trieb, das Sinnliche in die übersinnliche Welt hinaufzutragen, ist stark, ist kraftvoll in der Seele. Das bekommt man nicht so leicht los, wenn man aus der Sinneswelt durch die Initiation oder durch den Tod hinaufsteigt in die höheren Welten. Daher hat man es in sich, wenn man ein Wesen der höheren Welt geworden ist. Und begegnet man dort dem Ahriman, so ist er gerade gefährlich in den höheren Welten, weil er einem hilft - was er so gern tut - das, was man im Sinnensein gewonnen und erfahren hat, in die übersinnliche Welt hinaufzutragen. Keinen lieberen Genossen als Ahriman gibt es für die, welche jeden Augenblick bewahren möchten für die Ewigkeit. Viele Menschen beginnen recht sehr, sobald sie die Pforte zur übersinnlichen Welt überschritten haben, Ahriman als einen sehr bequemen Genossen zu empfinden, denn er ist immer bestrebt, was sich auf der Erde abspielt, zu Anteilen der höheren Welt zu machen und es dort für sich und für seine Wirkungsgenossen in Anspruch zu nehmen. Aber das Schlimmste ist es noch nicht, denn man kommt ja nicht in die übersinnliche Welt hinein, wenn man nicht in einer gewissen Beziehung die Egoität abgestreift hat. Würde man mit der gewöhnlichen normalen Triebkraft hineingelassen werden in die übersinnlichen Welten, dann würde man sehr bald den Ahriman am Rockzipfel fassen und ihn als einen sehr bequemen Gesellen empfinden. Aber man kann nicht hinein, wenn man so ist. Indem man hineinkommt, hat man eben schon die Eigenschaft, ihn ein wenig göttlich zu erkennen, indem er - mit einer ungeheuren Tragik - die Erdenevolution gerade im Sinnensein durchdringt und immer bestrebt ist, das Sinnensein so umzugestalten, daß es ein Geistessein werde. Das ist die tiefe Tragik des Ahriman! Er möchte alles, was irgendwie jemals im Sinnlichen erschienen ist, unmittelbar in ein Geistiges umwandeln, und er kämpft in der Weltenordnung für die Läuterung und Reinigung, für das Durch-das-Feuer-Gehen alles Sinnlichen. Das ist in seinem Sinne gut. Aber es wäre sehr schlimm im Sinne der göttlich-geistigen Wesenheiten, deren Gegner Ahriman in der Weltenordnung ist, wenn er alle seine Absichten ausführen könnte. Da muß vieles anders behandelt werden, als er möchte.

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