Sechster Vortrag
Da leben wir im Sinnensein, leben so, daß wir um uns und mit uns spielen fühlen das, was wir unser Lebensschicksal nennen. Da ist uns manches sympathisch, manches antipathisch an diesem Lebensschicksal. Und wer eine richtige Selbstbesinnung sich verschaffen kann, der weiß, daß Mitfühlen und Mitempfinden, Sympathie und Antipathie haben mit den Geschicken des Lebens zu den stärksten Empfindungen gehört, die wir überhaupt haben können, die sich am tiefsten in die Seele eingraben. Nun geht es aber so - warum, brauche ich hier nicht zu wiederholen, weil es in den anfänglichen Vorträgen so oft gesagt wird -, daß wir es in unserem übergeordneten Ich, das sich im Sinne des gestrigen und vorgestrigen Vortrages an das gewöhnliche Ich nur erinnert, es nur wie eine Erinnerung in sich hat, selber sind, die sich zum Beispiel auch dasjenige Schicksal, das uns dann vielleicht ein ganzes Leben hindurch martert und peinigt, zubereiten. Gibt esnicht Menschen, welche die Reinkarnationsidee gerade deshalb ableugnen, weil sie kein Begehren haben, ein neues Dasein sich zurechtzuzimmern, nachdem sie dieses eine durchlebt haben? Warum denken solche Menschen so? Weil sie in dem Glauben befangen sind, daß es in den Welten, in denen der Mensch nach dem Tode ist, ebenso zugehe wie in der Sinneswelt. Hier kann uns manches gefallen, manches mißfallen. Aber so zu empfinden wie hier, fällt uns gar nicht ein, wenn wir in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt sind. Dort empfinden wir ganz anders, wenn wir auch hier nichts davon wissen. Wenn wir nach dem Tode in die geistige Welt kommen, dann sehen wir zum Beispiel: Du hast gelebt auf der Erde in einem Sinnensein, du hast eine bestimmte Fähigkeit gehabt, aber diese Fähigkeit kam sehr einseitig bei dir heraus, du hast sie vielleicht auch mißbraucht. Du mußt jetzt in einem neuen Erdensein in einer anderen Körperlichkeit dich so ausgestalten, daß das Einseitige ausgeglichen wird und daß eine Unvollkommenheit vollkommener werde. Du mußt - mit anderen Worten - das, was du in unvollkommener Gestalt an dir gehabt hast, in einer anderen Unvollkommenheit dir aneignen, damit durch das gegenseitige Wirken die Sache ausgeglichen und harmonisiert werde. Da beginnt dann eine Zeit beim Durchgang zwischen Tod und neuer Geburt bis zur neuen Geburt hin, wo sich der Mensch sagt: Ich will so geboren werden, daß ich in einem neuen Leben ganz unfähig bin - beispielsweise -, mich in der Malerei zu betätigen, weil ich mich vorher darin betätigt habe und großes Geschick dabei gehabt habe. Denn dadurch, daß ich nun in der Malerei ungeschickt sein werde, werde ich in die Lage kommen, nie ein Urteil in meine Seele einfließen zu lassen, wie wenn ich selber male, sondern nur so, wie es sein muß, wenn ich mich selber vor die Sache stellen muß. Da werde ich mir andere Kräfte aneignen müssen, weil das heilsam sein kann, um das, was ich früher gehabt habe, zu harmonisieren, auszugleichen. So kann man zurückschauen auf ein Leben zwischen Geburt und Tod, auf etwas, was man glücklich durchlaufen hat, sagt sich aber, wenn man seine gesamte Evolution nur so einrichten würde, daß man sein Leben so erlebt, so hätte man es nicht ausgekostet. Was erfolgen muß aus Kräften, die gerade in dieser Weise sich ergeben, ist daher die Begierde: was du vorher im Glück erlebt hast, das mußt du jetzt im Leid erleben. Und man richtet nun alles so ein, daß man aus einer Sehnsucht heraus auf einem bestimmten Gebiete Leiden erleben muß, deren Durchmachen einen wieder weiterbringt im Dasein. Dann liegt die Tatsache vor, daß man im Übersinnlichen verlangt hat nach Leiden und Schmerzen und sie im Sinnensein als etwas empfindet, was man wegtun möchte. Da wird wahrhaftig der Unterschied zwischen dem Leben im Sinnensein und dem Leben in den übersinnlichen Welten zwischen Tod und neuer Geburt praktisch bedeutsam. Ganz andere Kräfte wirken in unserem Leben zwischen Tod und neuer Geburt, als uns dann sympathisch oder unsympathisch sind im Leben zwischen Geburt und Tod. Was tut nun der, welcher etwa das Leben in den übersinnlichen Welten beurteilen würde nach seinen Sympathien und Antipathien im Sinnensein? Er verpflanzt das, was er im Sinnensein hat, perspektivisch hinein in die übersinnliche Welt. Es ist richtig so, wie wenn Sie auf irgendeine Glastafel aufzeichnen oder aufmalen zum Beispiel eine Rose; dann schauen Sie die Glastafel an, das Glas sehen Sie nicht - Sie schauen durch das Glas durch, aber die Malerei projiziert sich hinten auf eine Riesenwand, und Sie glauben, das ist wirklich. Es ist aber gar nicht wirklich, sondern Sie haben es nur dort hinausversetzt. In dieser Weise kann der Mensch, wenn er die übersinnliche Welt beurteilen will nach Sympathien und Antipathien im Sinnensein, in die übersinnliche Welt etwas hineinprojizieren wie Schatten, was dann im Übersinnlichen auch eine Gültigkeit haben kann. Es hat schon eine Wirkung, eine Gültigkeit. Wenn man es nicht sieht, projiziert sich etwas wie ein Nebel auf das, was da drinnen vor dem Betrachter steht.
Cite:
GA 138/1912-08-30/p017 · edition original