Erster Vortrag
Zu dem allem trat hinzu eine ganz neue Perspektive, die über diese drei Jahrtausende, welche die genannten fünf Gestalten umfassen, hinausging. Auf Wegen, die zunächst für die äußere Geschichte ganz unergründlich sind, trat hinzu ein innerer Orient in das Geistesleben Europas. Nicht etwa nur, daß sich zu den genannten Dichtungen hinzugesellte, was die Veden, die Bhagavad Gita gaben, nicht nur, daß man diese orientalischen Dichtungen kennenlernte und dadurch eine Gefühlsnuance gegenüber der Welt auftrat, die sich gründlich unterscheidet von der Gefühlsnuance der Psalmen oder dessen, was man bei Homer oder Dante findet, sondern es trat etwas auf, was auf geheimen Wegen eindrang und was im 19. Jahrhundert immer mehr und mehr sichtbar wurde. Man braucht nur an einen einzigen Namen zu erinnern, der ja um die Mitte des 19. Jahrhunderts großes Aufsehen gemacht hat, und man wird sich sogleich klar sein, wie da etwas vom Orient auf geheimnisvollen Wegen in Europa eindrang: man braucht nur hinzuweisen auf den Namen Schopenhauer. Was fällt einem bei Schopenhauer vor allem auf, wenn man nicht auf das Theoretische seines Systems sieht, sondern auf das, was als Gefühls- und Empfindungsgehalt sein ganzes Denken durchzieht? Die tiefe Verwandtschaft dieses Menschen des 19. Jahrhunderts mit orientalisch-arischer Denk- und Gesinnungsweise. Überall lebt in den Sätzen, man könnte sagen, in den Betonungen der Gefühle bei Schopenhauer das, was man nennen möchte das orientalische Element im Okzident. Und das ist übergegangen auf Eduard von Hartmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Cite:
GA 139/1912-09-15/p011 · edition original