Dritter Vortrag

GA 139/1912-09-17/p030 ·1912-09-17 · original (original)
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So trifft man gar nicht einmal den Sinn der Bibel, wenn man den Heilungsvorgang selber als etwas Besonderes darstellt. Das war er in der Abendröte der alten Zeit noch nicht, wo solche Heilungen noch stattfinden konnten und wo gesagt wird, daß der Christus in der Zeit der Abendröte Heilungen vollzieht - aber mit den neuen Kräften, die fortan da sein sollten. Daher wird auch mit einer völligen Klarheit, die durch nichts eigentlich übertönt werden könnte, gezeigt, wie der Christus Jesus ganz von Mensch zu Mensch wirkt. Überall wird betont, daß er von Mensch zu Mensch wirkt. Es kann das kaum klarer zum Ausdruck kommen als dort, wo der Christus Jesus die Frau heilt, im fünften Kapitel des Markus-Evangeliums. Er heilt sie dadurch, daß sie an ihn herankommt, sein Kleid erfaßt, und er spürt, daß von ihm ein Strom von Kraft weggegangen ist. Die ganze Erzählung ist so, daß uns dargestellt wird: Die Frau nähert sich dem Christus Jesus, sie ergreift sein Gewand. Er tut zunächst gar nichts anderes dazu. Sie tut etwas: sie ergreift sein Gewand. Von ihm geht ein Strom von Kraft weg. Wodurch? Nicht dadurch, daß er ihn weggeschickt hat in diesem Falle, sondern daß sie ihn wegzieht, und er merkt es erst später. Das wird ganz klar dargestellt. Und als er es merkt, wie drückt er sich da aus? «Tochter, dein Glaube hat dir geholfen; gehe hin in Frieden und sei genesen von deiner Plage.» Er wird selbst erst gewahr, wie er dasteht, wie das göttliche Reich in sein Inneres einströmt und von ihm ausströmt. Er steht nicht so da, wie die früheren Dämonenheiler ihren Patienten gegenübergestanden haben. Da konnte der Patient glauben oder nicht glauben, die Kraft, die ausströmte aus überirdischen Welten durch das Medium des Heilers, strömte auf den Kranken ein. Jetzt aber, wo es auf das Ich ankam, mußte dieses Ich mitarbeiten; da wurde alles individualisiert. Auf die Schilderung dieser Tatsache kommt es an, nicht auf das, was damals selbstverständlich war, daß man durch die Seele auf den Leib wirken konnte, sondern daß Ich zu Ich, als die neue Zeit beginnen sollte, in eine Relation, in ein Verhältnis treten sollte. Früher war das Spirituelle in den höheren Welten, überschwebte den Menschen; jetzt waren die Reiche der Himmel nahe herbeigekommen und sollten einziehen in die Herzen der Menschen, sollten in den Herzen der Menschen wie in einem Zentrum wohnen. Darauf kommt es an. Da floß zusammen für eine solche Weltanschauung das äußere Physische und das innere Moralische in einer neuen Weise, in einer solchen Weise, daß es für die Zeiten von der Begründung des Christentums bis heute nur ein Glaube sein konnte und von jetzt ab ein Wissen werden kann.

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Cite: GA 139/1912-09-17/p030 · edition original