Vierter Vortrag

GA 139/1912-09-18/p011 ·1912-09-18 · original (original)
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Im fünften Jahrhundert der vorchristlichen Zeitrechnung sehen wir eine andere Individualität im alten Griechenland allmählich Schüler und Anhänger um sich sammeln. Wieder ist die Tatsache hinlänglich bekannt. Aber um zum Verständnis der Entwickelung der letzten Jahrhunderte zu kommen, ist es gut, das Bild dieser Individualität vor sich hinzustellen. Wir sehen Sokrates im alten Griechenland Schüler um sich sammeln. Und man braucht, um Sokrates in diesem Zusammenhange nennen zu dürfen, nur das Bild in Erwägung zu ziehen, das der große Philosoph Plato von Sokrates entworfen hat und das doch auch im wesentlichen durch den großen Philosophen Aristoteles bestätigt scheint. Man braucht nur in Erwägung zu ziehen, daß Plato in einer so eindringlichen Weise das Bild des Sokrates entworfen hat, und man kann dann auch sagen: Von Sokrates ging eine Bewegung im Abendlande aus. Und wer den ganzen Charakter der Kulturentwickelung des Abendlandes ins Auge faßt, der wird darauf kommen, daß einschneidend war für alles Abendländische dasjenige, was man das sokratische Element nennen kann. Wenn auch dieses sokratische Element im Abendlande subtiler durch die Wogen der Weltgeschichte sich fortpflanzt als das buddhistische Element im Morgenlande, so kann man die Parallele doch ziehen zwischen Sokrates und Buddha. Aber in einer eigentümlichen Weise müssen wir anders charakterisieren die Schüler- und die Jüngerschaft des Sokrates als die Schüler- und die Jüngerschaft des Buddha. Man möchte sagen: Alles, was charakteristisch Abendland und Morgenland unterscheidet, es tritt einem entgegen, wenn man diesen Grundunterschied Buddha - Sokrates ins Auge faßt.

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Cite: GA 139/1912-09-18/p011 · edition original