Vierter Vortrag

GA 139/1912-09-18/p012 ·1912-09-18 · original (original)
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Sokrates sammelt seine Schüler um sich herum. Wie fühlt er sich seinen Schülern gegenüber? Man hat seine Kunst, zu seinen Schülern sich zu verhalten, eine geistige Hebammenkunst genannt, weil er das, was die Schüler wissen, was sie lernen sollten, aus den Seelen der Schüler selbst hervorholen wollte. Er stellte seine Fragen so, daß die eigene innere Grundstimmung der Schülerseelen in Bewegung kam, daß er eigentlich nichts den Schülern von sich aus übertrug, sondern alles herausholte aus den Schülern selbst. Das etwas trockene, nüchterne Element, das die sokratische Weltanschauung und Weltanschauungskunst hat, kommt davon her, daß Sokrates eigentlich an die Selbständigkeit, an die ureigene Vernunft jedes Schülers appellierte, wenn er mit seiner Schar in einer etwas anderen Weise, aber doch ähnlich durch die Straßen von Athen ging, wie Buddha mit seinen Schülern die Wege zog. Aber während Buddha verkündete, was er durch die Erleuchtung unter dem Bodhibaum erhalten hatte, und während durch die Jahrhunderte hindurch das wirkte, was er aus der geistigen Welt heraus empfangen hatte und dann wieder auf die Schüler überströmen ließ, so daß in den Schülern fortlebte, was in Buddha gelebt hatte, machte Sokrates nicht den geringsten Anspruch darauf, als «Sokrates» fortzuleben in den Herzen seiner Schüler. Er wollte nicht einmal, wenn er seinen Schülern gegenüberstand, irgend etwas von sich übertragen in die Schülerseelen, sondern er wollte es ihnen selber überlassen, das, was sie hatten, aus sich herauszuholen. Nichts von Sokrates sollte übergehen in die Schülerseelen, gar nichts.

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Cite: GA 139/1912-09-18/p012 · edition original