Vierter Vortrag
Man kann sich keinen größeren Unterschied denken als den zwischen Buddha und Sokrates. In der Seele des Buddha-Schülers sollte ganz der Buddha leben. In der Seele des Sokrates-Schülers sollte so wenig etwas von Sokrates leben, wie in dem Kinde, das zur Welt kommt, etwas lebt, was von der Hebamme hinzugetan worden ist. So sollte das geistige Element bei den Sokrates-Schülern durch die geistige Hebammenkunst des Sokrates zum Vorschein kommen, den Menschen auf sich selber stellend, aus dem Menschen das hervorholend, was in dem Menschen selber darinnen ist. Das wollte Sokrates. Man könnte diesen Unterschied zwischen Sokrates und Buddha auch noch mit den folgenden Worten charakterisieren. Hätte eine Stimme vom Himmel angeben wollen, was die Buddha-Schüler durch den Buddha haben sollten, so hätte sie wohl sagen können: Entzündet in euch, was in Buddha gelebt hat, damit ihr durch Buddha den Weg zum geistigen Dasein finden könnt! Und wollte man in einer ähnlichen Weise charakterisieren, was Sokrates wollte, so müßte man sagen: Sokrates wollte jedem seiner Schüler zurufen: Werde, was du bist!
Cite:
GA 139/1912-09-18/p013 · edition original