Vierter Vortrag
Und wie können wir Sokrates und den Schüler einander gegenübergestellt denken? Sie stehen sich so gegenüber, daß Sokrates dem Schüler sagt, wenn er ihm das Verhältnis des Menschen zum Göttlichen an den einfachsten Vernunfterwägungen des Alltages klarzumachen versucht, wie er denken soll, wie die logischen Zusammenhänge sich verhalten. Überall auf das Nüchternste, Alltäglichste wird der Schüler verwiesen und soll dann anwenden, was er mit der gewöhnlichen Logik erringen kann, auf das, was er sich als Erkenntnis erwerben kann. Nur einmal erscheint einem Sokrates wachsend zu einer solchen Höhe, wo er, man möchte sagen, so spricht wie Buddha zu seinen Schülern. Einmal erscheint er so, als er dem Tode entgegengeht. Da, wo er spricht von der Unsterblichkeit der Seele unmittelbar vor seinem Hinscheiden, da redet er allerdings wie ein höchster Erleuchteter; aber er redet wieder auch so, daß alles, was er sagt, nur verstanden werden kann, wenn man sein ganzes persönliches Erlebnis ins Auge faßt. Deshalb geht es so zu Herzen, spricht uns so in die Seele, wenn wir das Platonische Gespräch über die Unsterblichkeit der Seele ins Auge fassen, wo Sokrates etwa sagt: Habe ich nicht mein ganzes Leben danach gestrebt, durch die Philosophie das zu erringen, was man als Mensch erringen kann, um von der Sinneswelt frei zu werden? Und jetzt, wo meine Seele bald losgelöst sein wird von allem Sinnlichen, sollte sie da nicht freudig eindringen in das seelische Element? Sollte ich da nicht freudig eindringen in das, wonach immer ich innerlich strebte, wenn ich philosophisch strebte?
Cite:
GA 139/1912-09-18/p015 · edition original