Vierter Vortrag
Wenn man erkennen will, welche Bewandtnis es damit hat, so muß man sich einmal den ganzen Werdewendepunkt der Zeiten klarmachen, der da steht vor unserer Seele für die Zeit des Mysteriums von Golgatha. Die Zeiten gehen zu Ende, in denen das alte Hellsehen allgemeine menschliche Eigenschaft war. Je weiter wir zurückgehen in der Menschheitsevolution, desto mehr kommen wir zu den Zeiten, in denen das alte Hellsehen allgemeines Menschengut war, wo die Menschen in die geistigen Welten hineingesehen haben. Wie haben sie hineingesehen? So haben sie hineingesehen, daß ihr Sehen ein Schauen der Weltengeheimnisse in Bildern, in unbewußten oder unterbewußten Imaginationen war, ein traumhaftes Hellsehen in traumhaften Imaginationen, nicht in solchen Vernunftbegriffen, wie sie heute der Mensch sich klarmacht, wenn er erkennen will. Was heute Wissenschaft, aber auch was heute populäres Denken ist, was nüchterne Vernunft und Urteilskraft ist, das war in jenen alten Zeiten nicht vorhanden. Wenn der Mensch der Außenwelt gegenüberstand, so stand er ihr gegenüber, indem er sie sah; aber er zergliederte sie nicht in Begriffe, er hatte keine Logik, er dachte nicht kombinierend über die Dinge. Es ist für den heutigen Menschen sogar schwer, sich das vorzustellen, weil man heute über alles denkt. Aber der alte Mensch hat nicht so gedacht. Er ging an den Dingen vorbei, er sah sie und prägte sich die Bilder ein, und erklärbar war ihm das, wenn er in den Zwischenzuständen zwischen Wachen und Schlafen in seine traumhaft imaginative Welt hineinsah. Da sah er Bilder.
Cite:
GA 139/1912-09-18/p025 · edition original