Fünfter Vortrag
Wenn ein Mensch, der sich heute so, ich will nicht sagen, der Durchschnittsbildung, sondern der höheren Bildung zu erfreuen glaubt, irgendein philosophisches Werk von Fichte oder Hegel in die Hand nimmt, so beginnt er zu lesen und glaubt darin etwas zu lesen, was nur ein Fortgang in der Begriffsentwickelung ist. Und es werden wohl die meisten Menschen darüber einig sein, daß man so recht warm dabei nicht werden kann, wenn man zum Beispiel Hegels «Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften» aufschlägt, wo zuerst über das «Sein», dann über das «Nichtsein », «Werden », «Dasein » und so weiter geredet wird. Man wir des dann erleben können, daß gesagt wird: Da hat jemand eben in der höchsten Begriffsabstraktion etwas zusammengebraut; das mag ganz schön sein, aber für mein Herz, für meine Seele, für meine Wärme gibt es mir nichts. Ich habe viele Leute kennengelernt, die gerade dieses Werk von Hegel, das ich jetzt im Auge habe, nach drei, vier Seiten rasch wieder zugeschlagen haben. Eines will man sich dabei nur nicht gern gestehen: daß vielleicht die Schuld, warum man dabei nicht warm werden kann, warum man dabei nicht Lebenskämpfe durchmachen kann, welche einen von Höllen in Himmel führen, an einem selber liegt. Das gesteht man sich nicht gern. Denn es gibt eine Möglichkeit, bei dem, was die Leute «abstrakte Begriffe» bei diesen Dreien nennen, ganze Lebenskämpfe durchzumachen und nicht nur Lebenswärme zu empfinden, sondern den ganzen Aufstieg von der äußersten Lebenskälte bis zur äußersten Lebenswärme zu fühlen. Man kann empfinden, wie diese Dinge unmittelbar mit Menschenblut, nicht bloß mit abstrakten Begriffen geschrieben sind.
Cite:
GA 139/1912-09-19/p008 · edition original