Sechster Vortrag
Was kommt da in Betracht, wenn wir die Wiederholung des Gleichen in den aufeinanderfolgenden Kulturperioden ins Auge fassen? Nehmen wir es an dem Beispiel des Pflanzenwachstums. Da sehen wir, wie im Frühling die Pflanzen herausbrechen aus der Erde. Wir haben es mit ihrer Schöpfung zu tun. Wir sehen, wie diese Pflanzen wachsen und gedeihen, bis sie einen gewissen Höhepunkt erreicht haben, wie sie dann wieder absterben und, indem sie absterben, wieder schon den Keim zu einer neuen Pflanze in sich tragen. Wir haben es also mit einem dreifachen Schritt im Werden zu tun: mit Entstehen, mit Wachsen und Gedeihen und mit Absterben, und haben im Absterben wieder den Keim zu einem Gleichen. Wo es nicht besonders auf die Zeit ankommt, wo es auf die Wiederholung ankommt, ist dieses sich wiederholende Prinzip immer am allerbesten in der Dreizahl zu fassen. Den Sinn des sich wiederholenden Werdens durch die Dreizahl zu fassen, das lag insbesondere in den Begabungen der morgenländischen Weisheit, lag besonders in der Weisheit, die dem Christentum vorangegangen ist. Und in der einseitigen Hinneigung zu dem zeitlosen sozusagen, dem sich wiederholenden Geschehen ist bedingt die Größe dieser alten Weltanschauung. Und da, wo sie zu ihrem Abschluß kommt, treten uns überall entgegen die Trinitäten, die im Grunde genommen der hellseherische Ausdruck dessen sind, was hinter Entstehen, Vergehen und Wiederherstellen ist. Brahma, Shiva, Vishnu, diese Dreiheit liegt überall als schöpferische Mächte zugrunde. Sie wurde in der Zeit, die der Krishna-Offenbarung vorangeht, als durch Hellsehen zu erreichende Dreiheit, sagen wir von Brahma, Vishnu, Shiva, erkannt. Und das Abbild von dieser Dreiheit ist überall da vorhanden, wo man nicht mit der Zeit anders rechnet als mit der aufeinanderfolgenden Wiederholung des Gleichen.
Cite:
GA 139/1912-09-20/p009 · edition original