Sechster Vortrag
Nun vergleichen wir mit diesen Weltanschauungen in ihrer tiefsten Struktur, in ihrer Zeitlosigkeit dasjenige, was uns gleich im Alten Testament entgegentritt. Oh, es ist ein beträchtlicher Unterschied gegenüber den morgenländischen Weltanschauungen! Da sehen wir, wie eine fortlaufende, reale Zeitlinie sich einlagert. Erst werden wir hingeführt zur Genesis, zur Schöpfung, und angegliedert wird an die Schöpfung die Menschheitsgeschichte. Wir sehen einen fortlaufenden Gang durch die sieben Schöpfungstage hindurch, durch die Patriarchenzeit hindurch; von Abraham herunter durch Isaak und Jakob alles Werden, alles Geschichte. Wo wiederholt sich etwas? Nicht wird der erste Schöpfungstag in abstrakter Weise wiederholt in dem zweiten. Nicht werden die Patriarchen wiederholt in den Propheten. Die Königszeit wiederholt nicht die Richterzeit und so weiter. Dann tritt die Zeit der Gefangenschaft ein. Überall werden wir hingeführt in den ganzen dramatischen Fortgang, wo die Zeit eine reale Rolle spielt wie im einzelnen Menschenleben. Durch das ganze Alte Testament wird uns die Zeit als ein realer Faktor des Geschehens gezeigt, abgesehen von dem, was sich wiederholt. Der Fortschritt ist das, was als ein besonderes Element eintritt in die Darstellung des Alten Testamentes. Das erste große Beispiel einer historischen Betrachtungsweise ist dieses Alte Testament. Dadurch wird dem Abendlande das Vermächtnis übergeben zur historischen Betrachtungsweise.
Cite:
GA 139/1912-09-20/p012 · edition original