Sechster Vortrag
Diejenige Denkweise, welche sich als der abendländischen Kultur angemessen ergibt, ist aber die historische. Und was ist die Folge dieses historischen Elementes der abendländischen Kultur? Eben die Erkenntnis des einen Brennpunktes alles Erdenwerdens. Das Morgenland betrachtete das Werden wie den sich wiederholenden Pflanzenvorgang eines jeden Jahres. So traten in jeder Periode die einzelnen großen Initiierten auf und wiederholten - wenigstens betont man vorzugsweise das, was sie wiederholten -, was schon früher da war. Man betont besonders in abstrakter Weise, daß ein jedes nur die besondere Ausgestaltung ist des einen, was sich da von Epoche zu Epoche fortentwickelt. Man hatte das besondere Interesse, das sich fortentwikkelnde Gleiche so darzustellen, wie man im Pflanzlichen durchaus das, was sich als Form offenbart, beachtet, und nicht die einzelnen Jahre unterscheidet. Nur in einem besonderen Falle beachtet der Mensch, wie sich auch im Pflanzenleben die einzelnen Jahre unterscheiden. Wenn er eine Lilie oder ein Weinblatt beschreiben will, kommt es ihm nicht darauf an, ob die Pflanze im Jahre 1857 oder im Jahre 1867 gewachsen ist; denn die Lilien gleichen sich, sie sind Ausprägungen der einen Lilienart. Nur, man möchte sagen, da, wo dieses allgemeine, sich wiederholende gleichartige «Apollinische» auch im Pflanzenwachstum ins «Dionysische » übergeht, da legt der Mensch einen besonderen Wert auch darauf, daß sich die einzelnen « Jahrgänge » unterscheiden: in den Weinjahren. Da kommt es ihm darauf an, zu unterscheiden; aber sonst hat er kein Interesse zu sagen: Dies ist die Form der Lilie vom Jahre 1890 oder 1895.
Cite:
GA 139/1912-09-20/p014 · edition original