Sechster Vortrag
Hier liegt der Punkt, wo sich die verschiedenen Völker über den Erdenkreis hin erst über das historische Werden verständigen müssen, wo sie sich erst klarwerden müssen, daß dieses Historische zu einer wirklich realen Menschheitsbetrachtung unbedingt notwendig ist. Man wird es heute noch erleben können, auch wenn nicht irgendein fanatisches oder konfessionelles, sondern ein wirklich gemeintes Christentum nach dem Orient gebracht wird und sich nur objektiv neben den anderen Religionen des Orients geltend machen will, daß dann gesagt wird: Ihr habt doch nur den einen Gott, der sich nur einmal in Palästina verkörpert hat; wir aber haben viele Verkörperungen des Gottes; da sind wir euch voraus. Diese Antwort wird eine ganz selbstverständliche sein vom Standpunkte des Morgenländers. Sie hängt zusammen mit seiner besonderen Begabung für das Hinsehen auf die Wiederholung des einen. Für den Abendländer aber muß gelten, daß das Ganze einen Schwerpunkt hat. Wenn daher von mehreren Verkörperungen des Christus gesprochen wird, so ist das derselbe Fehler, als wenn jemand sagen würde: Ja, man macht den Unsinn, zu sagen, daß man für die Waage nur einen Unterstützungspunkt brauche, daß auf der einen Seite die I.ast angreife und auf der anderen Seite die Gewichte; unterstützen wir die Waage an zwei, drei, vier Punkten! - Das ist aber ein Unsinn. Eine Waage kann nur einen Unterstützungspunkt haben. Und will man das ganze Werden verstehen, so muß man den einen Unterstützungspunkt, den einen Schwerpunkt, aufsuchen und nicht glauben, daß man besser fährt, wenn man aufeinanderfolgende Verkörperungen des Christus sucht. In dieser Beziehung werden sich die Nationen, die Völker, über den Erdkreis hin zu verständigen haben, daß im Laufe der Geschichte selbst die historische Denkweise, die historische Auffassung als die im höheren Sinne menschenwürdige erst eintreten mußte.
Cite:
GA 139/1912-09-20/p016 · edition original