Sechster Vortrag
Langsam geschah es, indem diese historische Art, das Menschenwerden anzuschauen, man möchte sagen, zuerst von den primitivsten Zuständen ausgegangen ist. Da finden wir, daß dieses geschichtliche Werden im Alten Testamente uns zuerst angedeutet wird durch das immer wiederkehrende Betonen, wie es das Wesen des alttestamentlichen Volkes ausmacht, daß man sagen kann, sie gehören zu dem Blut von Abraham, Isaak und Jakob; es rinnt durch die aufeinanderfolgenden Generationen hindurch, und was sich entwickelt, ist im Grunde genommen eine Form der Blutabstammung, der Blutfortpflanzung. Wie ein Mensch in der Aufeinanderfolge seiner Lebensepochen den Fortschritt zeigt, so daß die Zeit darin eine Rolle spielt, so ist das beim ganzen alttestamentlichen Volke der Fall. Und man wird, wenn man auf die genaueren Einzelheiten eingeht, tatsächlich diesen Verlauf der Generationen des alttestamentlichen Volkes so ähnlich auffassen können wie das Leben eines einzelnen Menschen, insofern er sich naturgemäß entwickelt, insofern er das in sich entwickelt, was sozusagen entwickelt werden kann am Menschen vermöge der physischen Anlage. Was dadurch geschehen konnte, daß immer überging das Väterliche auf den Sohn und so weiter, und so weiter, das wird uns geschildert im Alten Testament. Und was entstehen konnte an Bekenntnissen des Glaubens dadurch, daß die Nachkommen immer festhielten an denjenigen, mit denen sie blutsverwandt waren, das wird geschildert. Was im natürlichen Leben des einzelnen Menschen durch das Blut bedeutungsvoll geschieht, das wird angewendet auf den ganzen Körper des alttestamentlichen Volkes. Und wie im einzelnen Menschen zu einer gewissen Zeit sozusagen das seelische Element besonders herauskommt, wie dieses seelische Element eine besondere Rolle spielt, so wird das auch — und das ist ganz besonders interessant - in der geschichtlichen Entwickelung des Alten Testamentes schon festgehalten.
Cite:
GA 139/1912-09-20/p017 · edition original