Siebenter Vortrag
Wenn wir so recht die indische Welt ins Auge fassen, können wir sagen: Es erlischt das alte Hellsehen; dafür schreiben nieder in wunderbaren Worten diejenigen, von denen Krishna der Bedeutendste ist, was einstmals geschaut worden ist. Das ist dann da im Wort, im Veda. Und wer sich in das Wort vertieft, erlebt in seiner Seele davon den Nachklang. Aber nicht das entsteht, was in Sokrates zum Beispiel oder in anderen Philosophen entstanden ist. Das, was man westliche Vernunft, westliche Urteilskraft nennen kann, das tritt nicht in den indischen Seelen auf. Wovon wir heute im eminentesten Sinne sprechen, wenn wir von der ureigenen Kraft des Ich sprechen, das tritt gar nicht einmal in Indien auf. Daher macht sich sogleich etwas anderes geltend, als das alte Hellsehen verglommen war: der Drang nach Yoga, dem schulgerechten Hinaufkommen in die Welten, die auf natürliche Weise verloren worden sind. Und Yoga wird ein künstliches Hellsehen. Und im Grunde genommen tritt an die Stelle des alten Hellsehens sogleich die Yoga-Philosophie, ohne daß dazwischen das ist, was zum Beispiel in der griechischen, rein vernunftgemäßen Philosophie auftritt. Das tritt für das Indertum gar nicht ein. Diese Zwischenphase ist gar nicht vorhanden. Und wenn wir die Vedantaphilosophie des Vyasa nehmen, können wir sagen: Nicht so ist sie ausgeprägt, wie die westlichen Weltanschauungen lehren, von Ideen durchzogen, von Vernunft durchzogen, sondern sie ist gleichsam noch heruntergeholt aus den höheren Welten, aber in menschliche Worte gebracht; das ist das Eigentümliche: nicht mit menschlichen Begriffen errungen, nicht ausgedacht wie das sokratische, das platonische Element, sondern hellseherisch erschaut.
Cite:
GA 139/1912-09-21/p023 · edition original